Corporate Governance
Markt – aber bitte mit Moral

Die politische Klasse hat die Ethik als Wirtschaftsfaktor wiederentdeckt und auch führende Banker sprechen derzeit lieber von Verantwortung und Vertrauen statt von schneller Rendite. Mit einem weiterentwickelten Corporate-Governance-Kodex will die Branche alte Werte bewahren und eine gesetzliche „Vendetta gegen alle Manager“ verhindern.

BERLIN. Die Krise ist ja so riesig, da dürfen auch die Worte in den wirtschaftspolitischen Debatten gerne etwas größer sein. „Freiheit heißt Verantwortlichkeit“, beginnt Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) seine Rede. Es ist früh am Morgen, der Wirtschaftsminister ist gerade zurück „aus dem Wüstensand“ und, wie er sagt, „froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben“. Über das Pult schiebt er eine Großvokabel nach der anderen in den Saal voller Abgeordneter, Unternehmens-Pressesprecher und Ministeriumsbeamter, die seiner Rede über „Verantwortlichkeit in einer wertegebundenen sozialen Marktwirtschaft“ zuhören. Auf Bernard Shaw beruft er sich, und Adam Smith’ „Theorie der moralischen Gefühle“ von 1759 findet Erwähnung. „Werte sind nicht konjunkturabhängig“, ruft zu Guttenberg schlussendlich ins Publikum.

Wirklich nicht? Gleich zwei ganztägige Kongresse haben gestern in Berlin die Ethik in der Wirtschaft zum Thema. Auf dem einen, dem „Globalen Wirtschafts- und Ethikforum“, zu dem eine Pressesprecher-Vereinigung eingeladen hat, spricht der Wirtschaftsminister. Auf dem anderen, den Martina Köppen, Antidiskriminierungsbeauftragte der Regierung, organisiert, ist Klaus-Peter Müller Hauptredner, der Commerzbank-Aufseher und Vorsitzende der Corporate-Governance-Kommission. „Wertegesellschaft als ökonomischer Faktor“ heißt dieser zweite Kongress etwas trockener, und vor einem Jahr sprach dort vor dem Publikum aus Verbands- und Gewerkschaftsvertretern, Abgeordneten und Frauenbeauftragten noch ein offensichtlich für Moral Zuständiger: Kardinal Karl Lehmann. Beide Veranstaltungen drehen sich darum, dass Unternehmen fair sein sollen gegenüber Mitarbeitern und Kunden, dass sie Frauen und Minderheiten auf Führungsebenen durchlassen und den Klimaschutz ernst nehmen sollen. Das diene nicht zuletzt dem Wohle des eigenen Geschäfts.

Auch Müller spricht von Verantwortung. Er ist bald 30 Jahre älter als der Wirtschaftsminister, und er lässt die großen Worte nicht bloß durch den Raum schweben. Verantwortung übernehmen heiße, darüber zu reden, „was wir falsch gemacht haben“, bessere Regeln für Banken und Finanzmärkte zu finden. „Die Banken müssen sich mehr auf den gesunden Menschenverstand verlassen“, meint Müller, und er erinnert daran, dass das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Sozialen Marktwirtschaft schon vor der Krise rückläufig war.

Er warnt aber auch mit Blick auf das geplante schärfere Gesetz zur Managerhaftung die Politik vor einer „Vendetta gegen alle Manager“. Die Politik müsse sich entscheiden, ob sie alle Verantwortung für die Vergütung an sich ziehen und alles gesetzlich regeln wolle. „In dem Fall stelle sich die Frage, „ob eine Kommission hochrangiger Leute weiter als Lückenbüßerin herhalten will“, sagt er. Er wolle darüber reden mit den Politikern und meine dies nicht als Drohung. Die Corporate-Governance-Kommission habe den Vorteil, schneller handeln zu können als der Gesetzgeber. Die Kodex-Regel über variable Vergütungen für Aufsichtsräte zum Beispiel, die würde er gerne streichen, weil sie zu kurzfristiger Ausrichtung des Unternehmens anreize.

„Einen Fehler zu machen darf so tragisch nicht sein, ihn stehen zu lassen ist von Übel“, sagt Müller. Ein Kodex sei die mildere Form eines Gesetzes. Nicht zu viele Gesetze, nicht zu viel Staat, auch nicht auf Finanzmärkten, ist auch zu Guttenbergs Credo. Moral für den Markt? Die Familienunternehmerin Caroline Schwarz bleibt skeptisch. „In einem Fußballspiel braucht man Regeln, nicht Werte“, hält sie Müller vor. Sie führe ihre Firma in fünfter Generation nicht allein mit Werten.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%