CSU
Hundsmiserable Laune

In der Stunde ihrer größten Krise begeht die CSU ihren 60. Gründungstag. Edmund Stoiber, der sich einst in seiner Staatskanzlei verschanzte, muss raus zur Basis, wenn er Ministerpräsident bleiben will. Ihm bleibt nur wenig Zeit: Kommen die Umfragewerte nicht aus dem Keller, steht Stoibers Sturz an.

ROSENHEIM. Der Festredner spricht gerade von der Pro-Kopf-Verschuldung in Bayern, da geht dem Hölzl Hans die Geduld aus. Mit der Zunge fängt er an, seine Zähne von den Brotzeitresten zu säubern. Das macht ein saugendes Geräusch, das man durchaus hört über ein paar Tischreihen, aber das ist dem Hölzl Hans egal. Der Festredner vorne auf dem Podium spricht von der großen Kraft, mit der er die große Koalition droben in Berlin unterstützen werde. Die Kellnerin kommt, der Hölzl Hans gibt noch ein Weißbier in Auftrag. Und als der Böck Erich und der Bichler Sepp auch eins bestellen, ist er froh, sie ein bisschen aufziehen zu können: „Ihr habt's doch scho vier Halbe trunka, speibt's ma's Auto no recht voll, so weit kummt's no.“

Der Festredner heißt Edmund Stoiber, CSU-Chef und Ministerpräsident des Freistaats Bayern. Der Hölzl Hans dagegen ist Gemeinderatsmitglied in Schonstett, einem kleinen Dorf nordöstlich von Rosenheim. Hölzl und seine Freunde, das ist die Basis der CSU, und an der Basis ist der Vorsitzende seit seiner Flucht aus Berlin total unten durch.

Dem Kalender nach wäre eigentlich Feiern angesagt in der CSU: In diesen Tagen feiert sie den 60. Jahrestag, die Geburt der „erfolgreichsten Volkspartei Europas“, wie sie sich selbst so gerne nennt. Die CSU ist keine Partei, die zu grüblerischer Selbstdistanz neigt. Doch wo früher Respekt war, Geschichtsbewusstsein und ein an Hochmut grenzendes Maß an politischer Erfolgsgewissheit, da machen heute Leute wie der Hölzl Hans komische Geräusche mit den Zähnen. Etwas ist kaputt gegangen in der CSU.

Dass Stoiber bei einer lokalen Jubiläumsfeier auftritt, das ist bei der CSU immer noch eine große Sache. Mit vor Aufregung glühenden Apfelbäckchen begrüßt der Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Klaus Stöttner den „sehr geehrten Ministerpräsident Doktor Edmund Stoiber“, der für den Termin sogar den Bundespresseball in Berlin abgesagt hat. Man weiß, dass ein Ministerpräsident nicht überall sein kann. Man weiß auch noch, in welchem Tonfall man von der Staatskanzlei abgefertigt wurde, wenn man untertänigst um einen Termin mit Stoiber nachsuchte.

Für Stoiber ist der Besuch insofern ein Heimspiel, als er hier in den 50er Jahren aufs Gymnasium gegangen ist. Der Hauptgrund aber, dass er hier ist, dürfte dieser sein: Sich rar zu machen, den großen, unerreichbaren Vorsitzenden zu geben, das läuft nicht mehr. Das haben ihm Präsidium, Landesgruppe und Landtagsfraktion unmissverständlich klar gemacht: Er muss jetzt raus, wenn er Ministerpräsident bleiben will.

Stoiber spricht in seiner Festrede ausführlich davon, wie eins die CSU mit Bayern ist. Dass das so ist, hängt davon ab, dass er den Schonstettern am Stammtisch die Münchener und Berliner CSU-Politik erklärt. Dass er aber auch gelegentlich mit dem Stöttner Klaus redet, dem Landtagsabgeordneten. Erstens, damit er selber weiß, warum die CSU-Politik so gut ist. Vor allem aber, damit Stöttner erklärt, was die Schonstetter sich von ihrer Regierung alles wünschen und erwarten. Damit die Regierung mit ihrer absoluten Mehrheit dann auch etwas tun kann für die Schonstetter. Auf dass sie weiter CSU wählen und die absolute Mehrheit sichern, die so gut für sie ist. Das versteht man in Bayern unter Volkspartei: Was immer irgendwo an Politik passiert im Lande, das läuft für alle Beteiligten am besten über die CSU.

Dieser Kreislauf von Einbindung und Einfluss – der funktioniert in den Augen weiter Teile der Partei nicht mehr richtig. Stoibers Flucht aus Berlin war für diese Erkenntnis mehr Anlass als Ursache. Seit Stoiber 2003 die Zweidrittelmehrheit in Bayern holte und auf dieser Basis seinen Sprung nach Berlin 2006 vorbereitete, sei die Staatskanzlei für den normalen CSU-Politiker nicht mehr zu sprechen gewesen, klagen die Rosenheimer Parteifunktionäre. Und die Parteizentrale unter Generalsekretär Markus Söder habe lieber den Internetauftritt der Partei optimiert, anstatt sich Gedanken zu machen, wie man die Basis wieder zum Diskutieren bringt.

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