CSU
Neocons aus Niederbayern

Nach dem Wahldebakel in Bayer streitet die CSU um ihre Werte. Sie solle sich auf ihre christliche Tradition besinnen, sagen einige. Sie solle sich von Angela Merkel distanzieren, sagen andere. Über die Selbstfindung einer Partei, die sich gern als wahrhaft konservative Kraft im Lande etablieren würde.
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BERLIN. Ein Neocon, das sei "ein Linker, der von der Realität überfallen worden ist", sagte der eben verstorbene Pate der Neokonservativen, einer in der US-Außenpolitik einst einflussreichen Denkschule, Irving Kristol. Ein Neocon in Bayern, das ist ein CSUler, dem die Wähler soeben eine deftige Watsch?n verabreicht haben.

Als solcher greift Manfred Weber zur Feder, der junge niederbayerische CSU-Vorsitzende und Europapolitiker, dem ein guter Draht zu Parteichef Horst Seehofer nachgesagt wird. In den Tagen nach dem Wahldesaster, der Begegnung also mit der Realität, zauberte Weber ein Papier aus dem Hut, das den ebenso kämpferischen wie anmaßenden Titel trägt "Für eine christlich-soziale Erneuerung - Neudefinition einer modernen Volkspartei".

Neudefinition und Volkspartei - wie das geht, wüssten jetzt viele gern, vor allem in der SPD, aber auch in der CDU, die sich mit ihren 33,8 Prozent vom Sonntag eher am unteren Rand von Volkspartei bewegt.

Weber aber weiß, wie es besser geht. "Zuforderst geht es für CDU und CSU darum, ihr traditionelles Profil zu schärfen - als christliche, liberale, konservative, soziale (und als CSU) bayerische Parteien. Im Mittelpunkt steht aber die Botschaft: zurück zu den Wurzeln." Was das heißt? Nun, alles, aber nicht Angela Merkel. "Angela Merkel strahlt für die Menschen hohe Vertrauenswürdigkeit aus", befindet Weber, fügt dann jedoch nebst alarmierenden Ausrufezeichen hinzu: "Das reicht aber nicht aus! Unser Mitglieder müssen wissen, für was die Unionsparteien und ihre Spitzen stehen."

Darüber kann man schon reden. Nur weiß in der CSU niemand, was man mit den vier Seiten Webers, die so ähnlich schon mal nach der vergeigten Landtagswahl 2008 die Runde machten, anfangen soll. Wie konservativ darf es, bitte schön, sein?

Von einer "Retro-Offensive" ist die Rede, die überall hinführt, nur nicht zurück in die Zukunft. Überhaupt wird viel geschrieben in der CSU in diesen Tagen. Die mächtigen Oberbayern arbeiten an einem Modernisierungs-Papier, während sich Generalsekretär Alexander Dobrindt am "Leitbild CSU 2010 plus" versucht. Auch Markus Söder macht sich Gedanken, der Umweltminister, der eigentlich für das Konservative im Hause Bayern zuständig ist. Im Sommer 2007 hatte er mit einigen Neocons im Berliner Cafe Einstein öffentlich und ziemlich folgenlos nachgedacht, wie eine konservative Union aussehen könnte. "Warum die Union wieder mehr an ihre Wurzeln denken muss", hieß die Mahnschrift. Es ging um Tugenden, Leitkultur und konservative Familienpolitik. Eine Rebellion von rechts, deren nichtssagender Inhalt nicht verborgen blieb.

"Bayern hat sich verändert, wir noch nicht", sagt Söder jetzt. Eine schlichte Wahrheit. Sie stimmt trotzdem. Weil sie jedem alles versprach, von Steuersenkungen bis Hilfen für die Milchbauern, glaubte der CSU am Ende niemand mehr so recht. Das Ergebnis beschrieb eine ARD-Umfrage, die im CSU-Vorstand für Entsetzen sorgte: Keine Partei ist bei den Menschen weniger glaubwürdig als die CSU - nicht mal die Linke.

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