CSU-Parteitag
50 minus X - Emotionen

Vor dem CSU-Führungsduo lag nach dem fulminanten Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel eine schwere Aufgabe. Die CDU-Chefin hatte bei den 1000 Delegierten auf dem Parteitag in Nürnberg innerhalb weniger Minuten Begeisterung ausgelöst. Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein konnte dagegen nur mühsam seinen kraftlosen Auftritt beim politischen Aschermittwoch überbieten. Parteichef Erwin Huber beschäftigte sich immerhin mit einem Funkenmariechen.

HB NÜRNBERG. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte es mit wenigen Worten vorgemacht. Die CDU-Chefin lobte auf dem 73. Parteitag der CSU den Freistaat für seine Wirtschaftsleistung, würdigte die Lebensleistung des vor 20 Jahren verstorbenen Franz Josef Strauß. Merkel beteuerte immer wieder, sie wisse, wie wichtig die Christsozialen für ihren Erfolg bei der Bundestagswahl 2009 seien. Stehende Ovationen waren ihr sicher. Dass die CDU-Chefin im Streit um die Pendlerpauschale keinen Millimeter nachgegeben hatte, ging in der Begeisterung fast völlig unter. Die Delegierten gratulierten Merkel lieber aus vollem Hals mit einem Geburtstagständchen zu ihrem 54. Geburtstag. Merkel streichelte die CSU-Seele mit so einfachen Sätzen wie, „Bayern ist da, wo der Bund hin will“, und zog den Parteitag auf ihre Seite.

Ministerpräsident Beckstein bringt als erster Redner im Tandem die Delegierten dagegen am Samstagmorgen nur mäßig in Schwung. Die wollen vor der Landtagswahl am 28. September noch einmal auftanken, sich zurüsten lassen für den harten Straßenwahlkampf. Doch Beckstein läuft unter der von Merkel hoch gelegten Hürde problemlos durch. Vom Landesvater gibt es fränkische Hausmannskost: Niedrigste Arbeitslosenzahl in ganz Deutschland, höchstes Wirtschaftswachstum, Null-Neuverschuldung, sicherste Städte und Gemeinden, beste Bildung, ganz vorne bei der Forschung und Technologie. Beckstein schwelgt in Superlativen, die Basis klatscht verhalten. Das sind die Christsozialen von den stundenlangen mantrahaft wiederholten Spitzenbilanzen eines Edmund Stoibers gewohnt.

Laptop und Lederhose, alles vom Feinsten, für den beliebtesten Politiker in Bayern ist es hart, die Basis aufzurütteln. Was fehlt, sind die Emotionen. Doch die wollen vom brav-bieder wirkenden CSU-Politiker nicht überspringen. Ein CSU-Spitzenmann sagt später: „Beckstein ist eben ein Original und nicht originell“. Der Satz über die Spitzenbilanz: „Erst wenn der letzte Sozi sagt, das kann nicht bestritten werden, sind wir am Ziel“, ist einer der Höhepunkte in seiner Rede. Ziele, die Beckstein formuliert, hauen niemanden vom Sitz: Die Spitzenposition halten, trotz Energiekrise und den scharfen Wettbewerben aus Asien. Die Bildungspolitik erklärt er zum wichtigsten Thema. Erst als Beckstein auf die Grünen eindrischt, die Kreuze in den Klassenzimmern verteidigt oder die U-Bahn-Schläger sich vorknöpft, springt der Applaus an. Doch Beckstein nutzt die Chancen nicht, bricht nach ein paar Bemerkungen dazu ab und klammert sich weiter an seinen Redetext.

Huber, der zweite Tandemfahrer, kommt besser aus dem Startblock. Er beschäftigt sich mit der Opposition und vor allem mit Ex-CSU-Landrätin Pauli. Die Frau, die Stoiber zu Fall brachte und jetzt für die Freien Wähler antritt, bezeichnet er zur Belustigung aller im Saal als Funkenmariechen. Doch dann geht es mit seinen langatmig wirkenden Ausführungen weiter, bis er gar das Grundsatzprogramm auch noch zur Sommerlektüre empfiehlt. Die eigentliche Schwäche der CSU wird immer deutlicher, sie liegt bei Beckstein und Huber selbst. Die CSU kann derzeit keine Alternative auf Bundesebene zur Bundeskanzlerin stellen, ganz im Gegensatz zu den Zeiten von Stoiber und Strauß.

Dabei war die Spannung vor den Reden groß. Den Delegierten waren die kraftlosen Reden Becksteins und Hubers auf dem politischen Aschermittwoch in Passau noch in schlechter Erinnerung. Bereits auf dem Delegiertenabend machten schon wieder Schreckenszenarien die Runde. Bayerns Ministerpräsident Beckstein hatte zum Entsetzen aller den Satz fallen lassen, bei einem Ergebnis unter 50 Prozent würde die Welt auch nicht untergehen. Was sachlich richtig ist, würde für die Partei den Absturz bedeuten, lauten die oft geäußerten Bedenken. Auch bei seinem Parteitagsauftritt gibt Beckstein den Spekulationen neue Nahrung, wie geschlossen die Parteispitze zusammen arbeitet. Ohne jeden Anlass kommt ein Liebesschwur zu Huber. „Bei 99 Prozent der Fragen sind wir einer Meinung. Bei dem restlichen einen Prozent genügt ein Telefonanruf. Eine traumhafte Zusammenarbeit“, ruft Beckstein. Huber setzt noch eins drauf, redet über die enge Zusammenarbeit mit seinem Rivalen Horst Seehofer und beschwört die Ängste vor einer Schlappe bei der Landtagswahl erst recht herauf.

Der Autor ist Ressortleiter Wirtschaft und Politik.
Thomas Sigmund
Handelsblatt / Ressortleiter Politik und Leiter des Hauptstadtbüros
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