CSU-Parteitag
Psychodrama mit Pauli

Der CSU-Parteitag hatte alles, was ein gutes Bühnenstück braucht: Tragik, Komik, Groteske. Großen Anteil daran hatte wieder einmal Gabriele Pauli. Wie eine Untote sucht sie die Veranstaltung heim. Doch hernach durfte sich die christsoziale Seele gereinigt fühlen.

MÜNCHEN. Die Atmosphäre knistert. Ein Funke nur, und es käme zur Explosion. „Lieber Günther“, schallt es aus den Boxen. Einen Moment lang halten die rund 1 000 Delegierten des CSU-Parteitags im Münchener Messezentrum den Atem an. Die Stimme gehört jener Frau, von der man hoffte, sie würde hier keine Rolle spielen, die für den inneren Reinigungsprozess dann aber doch unverzichtbar werden wird. Sie gehört der mit einem Bann belegten Fürther Landrätin Gabriele Pauli.

„Man hat mich als Königsmörderin bezeichnet, versucht, mich in die Rotlicht-Ecke zu stellen“, sagt sie fest. „Wie kann es sein, Günther, dass jemand wie ich öffentlich als Person bezeichnet wird, die zum Psychiater muss? Ich möchte eine Erklärung.“ Ein Raunen geht durch den Saal. Ist das der Eklat, den so mancher im Vorfeld fürchtete? Delegierte tuscheln: „Wir sind doch nicht bei den Grünen!“ – „Saublöd!“

Der 72. Parteitag der Christlich-Sozialen Union hat alle Elemente eines kathartischen Bühnenstücks: Tragik, Komik, Groteske, Drama. König Edmund, von seiner eigenen Brut hinterrücks gemeuchelt, kehrt einem Gott gleich ins irdische Dasein zurück. Die Königsmörderin Gabi gemahnt die Gemeinschaft daran, die Verschwörung goutiert zu haben. Doch das will freilich niemand hören. So folgt die Strafe auf dem Fuße. Das neue Herrscher-Duo „Hubstein“ – im Jargon der preußischen Kaiserin Merkel augenzwinkernd die „zwei Kurzen“ genannt – stellt die Ordnung im Reich der Bayern wieder her und schwört die Heere auf neue Kämpfe mit den „Sozen“ ein. Das Volk jubelt und ist’s zufrieden. Vorhang auf.

Soeben hat sich Günther Beckstein als Nachfolger Edmund Stoibers für das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten empfohlen. „Der Wechsel ist weder Bruch noch Umbruch, sondern Kontinuität. Dazu gehört aber auch Wandel“, ruft Beckstein. Und: „Wir müssen wieder zu unserer legendären Geschlossenheit zurückkehren.“ Genau das ist die Botschaft des Tages: Angesichts der im nächsten Jahr anstehenden Kommunal- und Landtagswahlen sind Ruhe und Ordnung des bayerischen Christ-Sozialen höchste Mitgliedspflicht.

Nicht so für Gabriele Pauli. Wie eine Untote sucht sie den Parteitag heim. Wann immer sie sich von ihrem Platz in der zweiten Reihe erhebt, umschwirrt sie ein Pulk von Kameras und Mikrofonen. Schon tags zuvor hatte sie die Delegierten mit zwei Anträgen zum Grundsatzprogramm sichtlich genervt.

Doch weder Schmährufe noch sonstige Zwischenfälle vergifteten das Klima. Die Delegierten zeigten bemerkenswerte Disziplin und der Querulantin überwiegend die kalte Schulter – was den ein oder anderen freilich nicht davon abhielt, sich mit ihr fotografieren zu lassen. Zur „Gaudi“.

Doch Spaß hat Grenzen. Der Narr darf das Undenkbare nur aussprechen – oder eine Ehe auf Zeit fordern –, solange es zur Belustigung dient. Zwar gelingt es dem Parteitagsregisseur Ingo Friedrich, die heikle Situation mit den Worten zu entschärfen, der Wahlgang zur Nominierung Becksteins als Ministerpräsident sei angelaufen und Wortmeldungen nicht mehr möglich. Doch es wird ausgerechnet an Edmund Stoiber sein, die Partei die unappetitlichen Pauli-Momente vergessen zu machen.

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