CSU
Wie Söder und Guttenberg um die Macht rangeln

In der CSU rangeln Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg und Bayerns Gesundheitsminister Söder um einen vorderen Platz in der Partei. Parteichef Seehofer freut sich über den "gesunden Wettbewerb" unter seinen potenziellen Nachfolgern.

BERLIN. Dem Bewegungsdrang des Parteichefs scheinen keine Grenzen gesetzt. Zwischen Vorschlägen für eine neue Eigenheimzulage und Giftpfeilen gegen die Gesundheitsreform liefert Horst Seehofer in der vergangenen Woche noch eine Steilvorlage für die Dramaturgen vom Nockherberg. „Ein gesunder Wettbewerb unter denen, die als Nachfolger in Frage kommen, kann nicht schaden“, hatte er kurz vor dem Derblecken, dem traditionellen Abwatschn der bayerischen Politprominenz, verkündet. Wie bestellt standen beim Starkbieranstich dann auch zwei CSU-Jungpolitiker im Zentrum des Singspiels, die derzeit besonders heiß für die Position der Nummer zwei hinter Seehofer gehandelt werden.

Zwei Männer sind das, die sich den seit langem spannendsten Machtkampf in der deutschen Politik liefern, zwei, die unterschiedlicher nicht sein könnten – Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Landesgesundheitsminister Markus Söder. Auf ihren Schultern ruhen zentrale Teile von Seehofers Strategie für die anstehenden Wahlen. Noch ist offen, ob dies ein genialer Schachzug ist, ob diese Arbeitsteilung aufgeht. Dafür müssten zu Guttenberg und Söder harmonieren. Davon aber sind beide weit entfernt.

Da ist zu Guttenberg, Minister von und zu Kompetenz, Star der CSU-Herzen, seit er sich zutraute, wovor Edmund Stoiber gekniffen hatte – das Amt des Wirtschaftsministers. Keiner kriegt beim politischen Aschermittwoch mehr Applaus als der Freiherr mit seinen 37 Jahren. Als Dauergast im Fernsehstudio schafft er den Spagat zwischen Opelretter und dem Plausch über das anstehende AC/DC-Konzert. Egal, ob mit ausladender Geste am New Yorker Times Square oder im Spätabendtalk bei Beckmann – fast überall macht der junge Adelsspross bella figura.

Der andere lernte lange Jahre als Stoibers Generalsekretär, dass leise Nachrichten im Mediendschungel keine Chance haben. Mit Fleiß durchforstet Söder die Fußnoten aus bayerischer Sicht verkorkster Gesundheitsgesetze und sucht nach Pfeilen, die er gegen Berlin schießen kann. Dass die CSU so gut wie alles mit beschlossen hat, was sie nun auf die Zielscheibe heftet, schert Söder genauso wenig wie Seehofer. Mag kaum jemand so wendig sein, dem CSU-Chef auf seinem jeweils aktuellen Pfad zu folgen – Söder ist es.

Die Aufträge sind klar verteilt. Mit dem Segen Seehofers soll zu Guttenberg das marktwirtschaftliche Credo für die ganze Union in Berlin hoch halten. So hoch hängen soll er die ordnungspolitische Grundsätze, dass man – siehe Opel, siehe Schaeffler – notfalls drunter durchschlüpfen und im Wahlkampf doch mit unerlaubten Mitteln den Retter spielen kann. Söder wiederum soll mit Billigung Seehofers genau das machen, was er bei Stoiber gelernt hat – die in Berlin ärgern. Feind Nummer eins ist dabei SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Ebenso wichtig für das angeschlagene CSU-Selbstbewusstsein ist Gegnerin Nummer zwei: Angela Merkel. Die Gesundheitsreform ist ein Kernthema der Kanzlerin.

Doch zwei Aufträge machen noch keine gemeinsame Mission. Seit dem Aufstieg zu Guttenbergs hat der mit seinen 42 Jahren fast schon betagte Söder seinen Alleinvertretungsanspruch in der jüngeren CSU-Generation eingebüßt. Wenn andere vorbeiziehen, wo man sich vorne wähnte – das schmerzt.

Zumal beide unterschiedlicher kaum sein könnten. Freisinnig, unangepasst, ohne die übliche Ochsentour ist zu Guttenberg oben angelangt. Söder, den Ziehsohn Edmund Stoibers, trug das Segeln hart an der jeweils geltenden Parteilinie ans Ziel. Eigentlich hätten sie Platz nebeneinander. Nichts zieht zu Guttenberg nach Bayern. Er ist Bundespolitiker und will das auch bleiben. Söder dagegen wird schon lange nachgesagt, auf die Seehofer-Nachfolge in München zu schielen, wenn sie denn irgendwann ansteht. Der eine in Berlin, der andere in München – Probleme entstehen daraus nur, weil der CSU auch in der weltumspannenden Wirtschaftskrise kleinteiliges Denken nicht fremd ist. Zu Guttenberg ist Franke, Söder dummerweise auch. Und wenn zwei Franken an die Spitze wollen, als Bundesminister der eine, als Ministerpräsident der andere, dann bedarf das triftiger Gründe in der auf Regionalproporz bedachten CSU. Zumal die Bayern mit Georg Fahrenschon einen Finanzminister haben, der beim Landesbank-Krisenmanagement derzeit keine Fehler macht – und als Oberbayer zudem dem größten CSU-Sprengel angehört.

Diese Blockade über Bande ist der vorläufige Endpunkt einer lang gepflegten Feindschaft. Wo man auch nachhorcht, lustvoll zückt bald jeder an der CSU-Spitze Anekdoten über den Zweikampf „Lautstark gegen Adel“. Da sind die Lästertelefonate, die Söder unter alten JU-Freunden startet, wenn zu Guttenberg mal wieder mit Bildern aus dem Privatarchiv die Seiten bunter Blätter füllt. Da ist der verbale Rempler aus dem Juli 2008: Zu Guttenberg war noch Hoffnungsträger, Söder schon Europaminister. Als solcher hatte er im Berliner Ableger des Wachsfigurenkabinetts Madame Tussauds die Figur von Parteiikone Franz Josef Strauss erspäht – ausgerechnet neben der eines DDR-Spions. Söder verlangte diplomatisches Einschreiten durch Außenminister Frank-Walter Steinmeier höchstpersönlich, eine Forderung, die zu Guttenberg flugs als „verstörende Wortmeldung“ abtat.

Es sagt viel über das Verhältnis der beiden, dass sie diese Petitesse bis heute nicht wirklich vergessen haben.

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