CSU
Zu Guttenberg: Ein Mann für alle Fälle

Der neue Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist der Kriegsgewinnler der Turbulenzen in der CSU. Doch in ökonomischen Fragen ist zu Guttenberg ein nahezu unbeschriebenes Blatt. In der Krise muss der 37-jährige Senkrechtstarter schnell handeln.

BERLIN. Grenzen zu überqueren, ist für den Amerika-Fan Karl-Theodor zu Guttenberg nichts Neues. Aber dass er in der Politik derart schnell die Grenzen zwischen Parlaments-, Partei- und Regierungsarbeit passieren würden, damit hat der 37-jährige CSU-Politiker selbst nicht gerechnet. Gerade einmal drei Monate hat der Jurist als CSU-Generalsekretär gearbeitet, da beförderte Parteichef Horst Seehofer seine neue "Allzweckwaffe" ein zweites Mal - wieder zurück nach Berlin als Bundeswirtschaftsminister. Der politische Senkrechtstarter ist damit doppelter Krisengewinnler der Turbulenzen in der CSU.

Ungewöhnlich ist allerdings eher die Geschwindigkeit des Wechsels zurück an die Spree, weniger die Tatsache an sich. Denn Seehofer, zu dem der Oberfranke ein enges Verhältnis hat, hatte bereits vorher gesagt, dass er ihm jedes Amt zutraue. Zu Guttenberg hatte auch als CSU-Generalsekretär ganz bewusst sein Bundestagsmandat behalten - und seine Familie behielt auch die Wohnung in Berlin.

Ohnehin war klar, dass zu Guttenberg seine Zukunft nicht auf Dauer in Bayern sehen würde. Schon seine Berufung zum CSU-Generalsekretär im vergangenen Oktober war deshalb eine Überraschung. In seiner Bundestagszeit seit 2002 hatte er sich zuvor - über Fraktionsgrenzen hinweg - einen guten Ruf als Außenpolitiker erarbeitet. Gleichzeitig allerdings wirkte er mit seinem zurückgegelten Haar und der strengen Miene vor laufenden Kameras für viele Kollegen auch etwas "schneidig" und "glatt".

Doch selbst Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) schätzt ihn als einen der wenigen Abgeordneten mit einem ausgeprägten transatlantischen Netzwerk. Kurz vor seiner Benennung hatte zu Guttenberg am Freitag gerade ein transatlantisches Forum der CSU geleitet - mit hochrangigen Vertretern der Obama-Administration. Ein "großes internationales Erfahrungsspektrum" bescheinigt ihm denn auch Kanzlerin Angela Merkel.

Ob ihm dieses Netzwerk jetzt als Bundeswirtschaftsminister viel nutzen wird, bleibt abzuwarten. Denn Kontakte hatte zu Guttenberg eher zu internationalen Außen- und Sicherheitsexperten als zu Wirtschaftspolitikern aufgebaut. Allerdings knüpfte er auch Kontakte etwa zum US-Finanzministerium und zu den Handelsbeauftragten. Und gerade in Zeiten schneller, globaler Koordinierungen dürfte ihm sein internationales Denken und das vorzügliche Englisch nutzen. Das hebt ihn nicht nur von seinem Vorgänger ab.

Zweifel an seiner Eignung wird der jüngste Wirtschaftsminister in der Geschichte der Bundesrepublik dennoch erst einmal ausräumen müssen - auch wenn Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt vorsorglich lobte, zu Guttenberg sei mit den "Problemen des Mittelstands" vertraut.

Immerhin hatte zu Guttenberg selbst Erfahrung in der Wirtschaft gesammelt, nämlich bis 2002 als geschäftsführender Gesellschafter der familieneigenen Beteiligungsgesellschaft. Zudem begleitete er den Börsengang des heutigen MDax-Unternehmens Rhön-Kliniken, das die zu Guttenbergs zu einem Konzern aufgebaut hatten. Er gilt zwar nicht als Wirtschaftsliberaler, aber als Freihändler und sieht zu starke staatliche Interventionen mit Bauchgrimmen.

Zu Guttenberg ist der Spross eines fast 800 Jahre alten Geschlechts oberfränkischer Großgrundbesitzer aus dem gleichnamigen Ort Guttenberg. Auch in der Familie gibt es viele "Grenzgänger", nicht nur beruflich: Sein Vater Enoch etwa ist Dirigent und trat 1992 vorübergehend aus der CSU aus, weil sich der damalige bayerische Ministerpräsident Max Streibl nicht an einer Demonstration gegen Antisemitismus beteiligen wollte.

Seinen Wahlkreis hat zu Guttenberg in Kulmbach, wo auch der Familiensitz der zu Guttenbergs liegt. 2007 wurde er Bezirkschef der CSU Oberfranken. Dabei zeigte sich zum ersten Mal, dass er auch Machtinstinkt hat: Denn er setzte sich gegen den Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Hartmut Koschyk, durch.

Bei der SPD hält man es für problematisch, dass ausgerechnet ein Generalsekretär ins Bundeskabinett einrückt. Die Generäle sind traditionell dafür zuständig, den Gegner hart zu attackieren. Als ihn zu Guttenberg nach der Verabschiedung des Konjunkturpaketes II persönlich angegriffen hatte, stichelte etwa Steinmeier in einer Pressekonferenz mit Seehofer und Kanzlerin Merkel, der Umzug nach Bayern sei zu Guttenberg offenbar "nicht gut bekommen".

Allerdings hob sich zu Guttenberg in seiner kurzen Amtszeit als CSU-Generalsekretär durchaus von seinen Vorgängern ab. Er gab eben nicht das "blonde Fallbeil" (Edmund Stoiber), er spielte nicht den "Lautsprecher der Partei" (Markus Söder), sondern versuchte, mit nachdenklicheren Einwürfen Punkte zu sammeln. Aber erst die CSU-Wahlkampfkonzepte für die Europawahlen im Juni und für die Bundestagswahlen im September wären seine erste richtige Bewährungsprobe gewesen. Immerhin hat er gezeigt, dass er sich in ein neues Amt einarbeiten kann.

Nun hat zu Guttenberg nur sieben Monate Zeit, sich in der wesentlich schwierigeren Aufgabe als Chef eines großen Beamtenapparats und eines zentralen Ressorts für die Bewältigung der Wirtschaftskrise zu bewähren. Gelingt ihm dies und sollte die CSU in Regierungsverantwortung bleiben, dürfte ihm ein Ministeramt in Berlin weiter sicher sein. Welches auch immer.

Balanceakt

Stärken

Pragmatisch: Selbst als CSU-Generalsekretär galt er nicht als "Wadlbeißer".

Sachorientiert: Auch politische Gegner beschreiben ihn als vermittelnd, undogmatisch, "smart".

Schwächen

Unbeschriebenes Blatt: Im Kabinett kennt zu Guttenberg außer Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier kaum einen SPD-Kollegen.

Schlecht verdrahtet: Trotz vieler internationaler Kontakte gilt der neue Wirtschaftsminister als nicht optimal verdrahtet. In der aktuellen Krise muss er Beziehungen zu wichtigen Ansprechpartnern in der Wirtschaft erst aufbauen. Auch für die wirtschaftspolitischen Experten von Union und SPD ist er noch ein unbeschriebenes Blatt.

Verbündete

Angela Merkel, Horst Seehofer: Er genießt das Vertrauen von beiden. Beide haben ein eigenes Interesse an seinem Erfolg.

Gegner

Peer Steinbrück: Ob das Verhältnis zum mächtigen Finanzminister so unterkühlt bleibt wie zwischen Steinbrück und Glos, bleibt abzuwarten. Bisher gab es noch keinen Kontakt zwischen zu Guttenberg und dem SPD-Vize. Das dürfte sich spätestens ändern, wenn es um die Nachbesserungen am Bankenrettungspaket geht.

Sigmar Gabriel : Das Konfliktpotenzial mit dem Umweltminister ist groß, gerade in der Energiepolitik - und hier bei der Atomenergie.

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