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06.09.2006 
Gammelfleisch landete in acht EU-Staaten

„Da zeichnen sich sehr bedenkliche Dinge ab“

Neue unappetitliche Details im Gammelfleisch-Skandal: Die verdorbene Ware aus Deutschland ist offenbar in acht EU-Staaten geliefert worden. Was dort mit dem Fleisch passierte, ist noch unklar. Ermittler sprechen von einer Art „Döner-Mafia“. Indes erheben Politiker auch Vorwürfe gegen die Verbraucher.

Gammelfleichskandal. Offenbar sind auch Lieferungen in acht EU-Staaten betroffen. Foto: dpaLupe

Gammelfleichskandal. Offenbar sind auch Lieferungen in acht EU-Staaten betroffen. Foto: dpa

HB BRÜSSEL. Nach Angaben der EU-Kommission besteht der Verdacht für Österreich, Tschechien, Dänemark, Frankreich, die Niederlande, Belgien, Italien und Luxemburg. Die Staaten seien gefordert, den Spuren nachzugehen. Ein Sprecher sagte, die Informationen des Unternehmen seien angesichts der Schwere des Vergehens allerdings mit Vorsicht zu genießen.

Niedersächsische Veterinärbehörden beschlagnahmten weitere fünf Tonnen Geflügelprodukte. Die tiefgefrorenen Hähnchenbrustfilets seien vom Münchner Großhändler über eine Zwischenstation in Thüringen nach Niedersachsen gelangt und deswegen nicht in den Lieferlisten enthalten gewesen, sagte der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums in Hannover, Dominik Mayer. Nach einem Hinweis aus Thüringen sei das Fleisch jedoch sichergestellt worden und werde jetzt untersucht.

Nach Angaben des Ministeriums wurden von den zwei Tonnen Fleisch, die am Montag in der Region Hannover bei einem Lieferanten von China-Restaurants sichergestellt wurden, bislang sechs Proben untersucht. Fünf der Proben seien sensorisch unauffällig und in Ordnung gewesen. Auf einer weiteren Probe von Schweinenacken hätten sich jedoch dunkle Gefrierbrandflecken befunden. Deshalb sei diese Lieferung zu beanstanden gewesen. Alle sechs Proben würden weiter mikrobiologisch untersucht.

Der Hauptbeschuldigte im Münchner Gammelfleisch-Skandal hat sich unterdessen das Leben genommen. Die Ermittler hatten herausgefunden, dass der Fleisch-Großhändler Haltbarkeitsdaten fälschen, aufgetaute Ware wieder einfrieren und nicht mehr zum Verzehr geeignetes Fleisch ausliefern ließ. Wie erst nach dem Freitod des 74-Jährigen bekannt wurde, stand zudem dessen Münchner Firma kurz vor der Pleite. Vielleicht war dies der Grund, dass er grob gegen die lebensmittelrechtlichen Vorschriften verstieß. Auch nach der tragischen Wende laufen die Ermittlungen aber weiter - denn man müsse von weiteren Beteiligten ausgehen, hieß es.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: „Da zeichnet sich eine Art Döner-Mafia ab“

Im Kühlhaus des Unternehmers sind derzeit rund 400 Tonnen Lebensmittel gelagert, hauptsächlich Fleisch. Davon sortierte „ein Heer von Lebensmittelkontrolleuren“ - so Wilfling - bis zum Mittwochvormittag weit über 60 Tonnen nicht mehr genießbares Fleisch und 43 Tonnen verdorbenes Gemüse aus.

Der 74-Jährige hatte nach Feststellungen der Kripo bundesweit rund 2500 Kunden - die Mehrzahl davon in Bayern - sowie 50 Abnehmer im benachbarten Ausland. Das beanstandete Fleisch hat nach Angaben von Wilfling schlecht gerochen, Ekel erregend ausgesehen und war in Farbe und Konsistenz stark verändert. Bei mehr als zehn Tonnen des sichergestellten Fleisches waren die Haltbarkeitsdaten teilweise um vier Jahre überschritten.

Zu der beschlagnahmten Ware gehörten mehrere Tonnen Döner-Spieße. „Da zeichnet sich eine Art Döner-Mafia ab“, sagte Wilfling. Mit Wissen einzelner Döner-Betriebe seien offenbar Spieße aus aufgetautem Fleisch hergestellt worden, das übrige Fleisch sei dann einfach wieder eingefroren und später anderweitig verkauft worden.

„Da zeichnen sich Dinge ab, die einen sehr bedenklich machen“, erklärte Wilfling. „Aber man darf nun auch nicht alle Döner-Buden unter Generalverdacht stellen.“ Auch dort versuche nur ein kleiner Teil, sich mit kriminellen Methoden zu bereichern. Mit Spannung werden nun weitere Ergebnisse der Soko „Kühlhaus“ erwartet.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: „Nicht immer nur das Billigste kaufen“

Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte angesichts des Ausmaßes des Skandals einheitliche Standards bei Kontrollen. „Das heißt nicht, dass die Bundesregierung die Kontrollen übernimmt“, sagte sie im Bundestag. Die Länder müssten sich aber zu einer gemeinsamen Informationsplattform bereit erklären. „Es geht nicht, dass jeder alles für sich behält und sich anschließend wundert, dass flächendeckend Verfehlungen auftreten.“

Die Verbraucherminister von Bund und Ländern treffen sich an diesem Donnerstag zu einer Sondersitzung in Berlin, um Konsequenzen aus dem Gammelfleischskandal zu ziehen. Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) sieht trotz Widerstands aus den Ländern Chancen für eine Reform der Lebensmittelkontrollen. „Ich werde nicht ruhen, bevor das nicht erfüllt ist“, sagte er. Seehofer will die Länderkontrollen vom Bund her koordinieren und ein einheitliches Qualitätshandbuch einführen. Bayerns Verbraucherschutzminister Werner Schnappauf (CSU) gab seinen Widerstand gegen bundeseinheitliche Standards nach monatelangem Streit auf.

Die stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag, Bärbel Höhn,will eine grundlegende Reform der Kontrollstrukturen und warnte vor Kumpanei. Es sei ein grundsätzliches Problem, dass die Kontrollen in vielen Ländern zu stark auf kommunaler Ebene angesiedelt seien, sagte sie im RBB-Inforadio.

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast verlangte zudem die nochmalige Überarbeitung des Verbraucherinformationsgesetzes der Bundesregierung. Kontrollen dürften nicht immer nur der Wirtschaft überlassen werden, warnte sie. Es müsse Gegenkontrollen geben. Aber auch die Verbraucher müssen sich nach Meinung von Künast umstellen: „Wir sollten in Deutschland auch nicht immer nur das Billigste kaufen, weil das am Ende solche Systeme unterstützt.“

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