Dalai Lama in Bochum
Gefeiert wie ein Popstar

Der Dalai Lama begeistert die Massen – auch im Ruhrpott. Bei seinem ersten großen Auftritt in Bochum wird das religiöse Oberhaupt der Tibeter gefeiert wie ein Popstar. Doch der politische Streit um seinen Deutschland-Besuch bleibt nicht vergessen. Und auch am Dalai Lama selbst scheinen die Unruhen nicht spurlos vorüberzugehen.

BOCHUM. Die Bühne ist etwas kleiner, die Scheinwerfer dezenter angebracht. Und auch der Innenraum ist bestuhlt. Zum Glück, denn sonst könnte man die Veranstaltung glatt mit einem Popkonzert verwechseln. Schon Stunden vor dem Beginn warten die Menschen vor der Halle auf den Einlass. Im Vorraum können sie sich mit Fanartikeln, etwa Büchern oder Tibetfahnen, eindecken. Als die Sängerin Ani Choying kommt – quasi die Vorband – steigt die Spannung unter den Anwesenden merklich. Und dann erscheint mit Peter Maffay sogar noch ein wahrer Popstar, um ein Grußwort zu sprechen.

Gewartet haben die 3500 Menschen in der RuhrCongress-Halle in Bochum aber nur auf einen: den Dalai Lama. Als er die Bühne betritt, erheben sich alle im Saal und applaudieren dem Schutzpatron des Wissens, wie ihn die Tibeter nennen, bis dieser sie zur Ruhe ruft. Doch er muss nur „Hallo“ sagen, schon brandet der Applaus auf. „Ich bin so froh, hier zu sein“, sagt er – Applaus. So feiert man einen Popstar.

Draußen vor der Halle protestieren rund 300 Shugden gegen den Besuch des Dalai Lama. Die tibetischen Shugden sind ebenso wie der Dalai Lama Buddhisten, glauben aber an eine Gottheit, deren Verehrung der Dalai Lama untersagt hat. Doch damit dazu gar keine Kritik aufkommen kann, erklärt der Dalai Lama ausschweifend seine Sichtweise dazu, die die Vorwürfe der Shugden natürlich entkräften soll. Und auch der Ärger der deutschen Regierung mit China, weil hochrangige Politiker den Dalai Lama treffen, spielt hier keine Rolle. Die Politiker, die vor Ort sind, versuchen sich in Lobbyarbeit für Tibet. Sie trauen sich trotz einer drohenden neuen Eiszeit beim Thema Menschenrechte gegen China zu positionieren.

„Tibet ist zum exemplarischen Fall geworden, wenn wir über die Zukunft der Menschen reden. Wenn wir das bei dieser Veranstaltung einfordern, dann geht es nicht um einen exklusiven Anspruch für ein einzelnes Volk, sondern für die ganze Welt – und auch an die chinesische Regierung“, sagt Bundestagspräsident Norbert Lammert. Er forderte die Chinesen auf, den Wortlaut ihrer eigenen Verfassung für sich selbst gelten zu lassen. „Menschenrechte sind unteilbar. Wir Deutschen haben eine besondere Verantwortung dafür einzutreten, wenn irgendwo auf der Welt die Menschenrechte missachtet werden“, so Lammert weiter. „Wir müssen eine Gesellschaft mindestens genauso an ihrer Kultur wie an ihren politischen und ökonomischen Interessen messen. Denn das ist das, was die Gesellschaft im Endeffekt zusammenhält.“

Hessens Ministerpräsident Roland Koch, der sich seit langem für die Anerkennung Tibets einsetzt, fordert von China eine Annäherung an den Westen: „China ist auf dem Weg in eine große Welt, auf dem Weg in die wirtschaftliche Anerkennung – aber diese Welt wird nur Frieden haben, wenn die Menschenrechte gewahrt werden. Diese Botschaft werden wir niemandem ersparen, der in unsere Welt will“, richtete er eine deutliche Botschaft an die dortige Regierung. Dem Dalai Lama versicherte er seine Unterstützung: „Wir drücken ihm nicht nur die Daumen, sondern erheben auch unsere Stimme für die Anerkennung Tibets.“

In Berlin dürfte das nicht gern gesehen werden. Denn die chinesische Regierung hat schon mit Konsequenzen gedroht. Die chinesische Botschaft in Berlin hatte gar versucht, das Treffen des Dalai Lama mit Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul zu unterbinden – ohne Erfolg. Nun fürchtet die deutsche Politik neuen Ärger. Nur zu gut erinnert man sich noch an die abgesagten Termine zwischen deutschen und chinesischen Vertretern nach dem letzten Besuch des Dalai Lama hierzulande, als er unter anderem mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammentraf.

Der Friedensnobelpreisträger weiß die Massen für sich zu gewinnen. Mit seinem steten Lächeln und populären Themen reißt er die Menschen mit. Er findet einfache Worte – die aber offensichtlich ihre Wirkung finden. Das ist bei Popsongs ja auch nicht anders. Heute handelt der Vortrag des Dalai Lama von Menschenrechten und Globalisierung. Es könnte aber auch jedes andere Thema sein. Denn die Botschaft ist immer die Gleiche: Der Frieden zwischen den Menschen kommt aus dem Frieden der Menschen in sich selbst. Die innere Ruhe ist der Schlüssel zum buddhistischen Glück.

Ganz scheinen die aktuellen Unruhen aber doch nicht am Dalai Lama vorbei zu gehen. Denn während der Dolmetscher seine langen Statements aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, wird der Dalai Lama selbst ein wenig unruhig – und beginnt, Bonbons an Moderatorin Sandra Maischberger zu verteilen. Oder war es ein Glückskeks? Inhalt etwa: „Wenn sie nicht viel Geld haben, konzentrieren Sie sich auf die innere Schönheit. Das kostet nicht viel.“ Eine Glücksbotschaft speziell vom Dalai Lama. Einfach, aber wirkungsvoll.

Claudia Schumacher
Claudia Schumacher
Handelsblatt / Redakteur
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