Das Alleinstellungsmerkmal „links“
Der Geisterbeschwörer

Einer, der bellt, weil er nicht beißen kann: Nach dem Linksruck der ihm verhassten SPD und dem Rücktritt von Franz Müntefering ist Oskar Lafontaine verletzlicher denn je. Die selbst ernannte Gallionsfigur für „Die Linke“ fürchtet ein Erstarken der SPD bei den Landtagswahlen 2008. Oskar Lafontaine kämpft um das Alleinstellungsmerkmal „links“.

BERLIN. Überall blühende Landschaften. Wohin der Redner auch blickt: Die Armut blüht, das Elend blüht, die Ungerechtigkeit blüht. Die Gewinne von Banken und Versicherungen blühen, die Profite der Unternehmungen blühen. Früher hatte Helmut Kohl mit seinen „blühenden Landschaften“ einen Traum zur Wirklichkeit verklärt. Heute erhebt „Linke“-Chef Oskar Lafontaine einen Alptraum zur Wirklichkeit: den einer ausgebeuteten Gesellschaft, in der die Globalisierten im Aufzug nach unten rasen und nur ein paar wenige immer und unaufhaltsam nach oben schießen. So weit nach oben, bis sie nicht mehr erkennen, wie tief „ganz unten“ in Deutschland sein kann, wenn man als Ein-Euro-Jobber, 400-Euro-Jobber und selbst 1 000-Euro-Jobber unterwegs ist. Die blühenden Landschaften des Neoliberalismus. Und Oskar Lafontaine, der Redner, zieht aus, die Blumen des Bösen auszurupfen.

Schnell greift er in diesen Wochen zum Herbizid-Hohn, überall: in Hannover, Leipzig, Berlin. Immer, wenn er dem Neoliberalismus den Garaus machen will: „Heute, wo alles verkloppt und privatisiert wird, könnte man genauso gut politische Leiharbeiter ins Parlament schicken.“ Stetes Ressentiment gegen die „Ahnungslosen“ in der Politik führt ihm die Zunge und das Leben in der Politik. – Gibt es sonst noch was Neues?

Ja, den Links-Turn der SPD. Seitdem die Linkspartei gravierenden Zulauf von Sozialdemokraten erhält, beobachtet Oskar Lafontaine misstrauisch, wie sich Kurt Becks SPD den Kurswechsel nach links aufbrummt. Und seitdem der letzte Bremser auf dem SPD-Dampfer, Realo Franz Müntefering, von Bord sprang, droht die SPD wieder als linke Konkurrenz zu erstarken. Bye-bye, Oskar?

Kaum hat die SPD an der Basis Boden gutgemacht und fixiert wieder die anbrechende Morgenröte, geht ein Gespenst in der Linkspartei um. Sollte Lafontaines Truppe bei den Landtagswahlen Anfang 2008 in Niedersachsen und Hessen an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, muss der Ex-SPD-Chef sein Credo revidieren, als Königsmacher im rot-roten Spiel zu gelten. Deshalb muss er das Alleinstellungsmerkmal „links“, das auch die SPD gegen Angela Merkels CDU bitterst braucht, um jeden Preis verteidigen.

Lafontaine selbst, Willy Brandts vormaliger Lieblingsenkel, hat es allemal. Acht Jahre nachdem der Ex-Finanzminister seine Ämter und Versorgungsansprüche hingeworfen hat, 2005 sein Parteibuch hinterher, gibt Lafontaine die Galionsfigur für „Die Linke“. Der 64-Jährige ist der Parkettschleifer im Westen, wo er für viele noch immer der Schattenmann der SPD ist. Weder hat sie den Abgang der rhetorischen wie intellektuellen Dampfmaschine verkraftet, noch hat er selber den Verlust des ganz großen Forums einer Volkspartei verschmerzt.

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