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14.12.2007 
Gewerkschaften nutzen Gunst der Stunde

Das Ende der Bescheidenheit

von Peter Thelen

Die kommende Tarifrunde verspricht einiges an Brisanz: Die Gewerkschaften schrauben angesichts der gut laufenden Konjunktur ihre Forderungen in die Höhe. Die Arbeitgeber warnen jedoch vor einer Abschwächung und halten die Forderungen für überzogen. Doch nicht nur um Lohnerhöhungen wird gestritten.

Eine Trillerpfeife der IG-Metall: Die Gewerkschaften wollen 2008 bei ihren Lohnforderungen noch eine Schippe drauf legen. Foto: APLupe

Eine Trillerpfeife der IG-Metall: Die Gewerkschaften wollen 2008 bei ihren Lohnforderungen noch eine Schippe drauf legen. Foto: AP

BERLIN. Während die Wirtschaftsexperten vor einer Abschwächung der Konjunktur im nächsten Jahr warnen, sind die Gewerkschaften auf dem besten Wege, im Vergleich zu 2007 bei ihren Lohnforderungen für das kommende Jahr noch eine Schippe draufzulegen.

Zuerst schockte die IG Metall die noch im Geld schwimmende Stahlbranche mit ihrer Forderung nach acht Prozent mehr Lohn und Gehalt für die im Januar beginnenden Verhandlungen. Am Mittwoch zog die drittgrößte DGB-Gewerkschaft IG BCE nach. Für die 550 000 Beschäftigten der Chemieindustrie will sie Einkommensverbesserungen zwischen 6,5 und sieben Prozent erreichen. Damit nennt die für eher leise Töne bekannte Gewerkschaft erstmals seit zwei Tarifrunden überhaupt eine konkrete Lohnzahl.

Sie liegt in der Nähe der Forderungen für die Metall- und Elektroindustrie, mit denen die IG Metall die Tarifrunde 2007 dominierte. Und sie dürfte für andere Tarifbereiche zur Messlatte für die Tarifrunde 2008 werden – auch wenn IG-BCE-Chef Hubertus Schmoldt gestern dem Handelsblatt sagte, dass sich seine Gewerkschaft keinesfalls als „Tariflokomotive“ etwa für den öffentlichen Dienst oder das Bankgewerbe sehe. „In anderen Branchen sieht es anders aus. Das sollte sich auch in den Tarifabschlüssen dieser Branchen widerspiegeln“, forderte Schmoldt.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt wies die Forderung der IG Metall für die Stahlindustrie schon am Dienstag als völlig überhöht zurück. Der Chef des Arbeitgeberverbands Stahl, Volker Becher, will angesichts wachsender Risiken vor allem aus China für die deutsche Stahlkonjunktur verhindern, dass es zu deutlichen Tariferhöhungen kommt, die die Lohnkosten der Branche dauerhaft erhöhen. Er will die Stahlkocher stattdessen durch hohe Einmalzahlungen, die nicht in die Tariftabelle eingehen, am Erfolg der Branche beteiligen.

Auch die Chemiearbeitgeber warnen vor einer Abschwächung der Chemiekonjunktur im nächsten Jahr auf nur noch 2,5 Prozent Wachstum. Die IG-BCE-Forderung sei überzogen, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC), Hans Paul Frey, und forderte die Gewerkschaft zur „Tarifmäßigung“ auf.

„Das sind die üblichen Tarifrituale der Arbeitgeber“, wehrt IG-BCE-Chef Schmoldt ab. „Erst wird die Wirtschaftslage in Moll gezeichnet, und am Ende läuft es dann doch bombig.“ Die IG BCE habe diese Rituale bereits vor Jahren beerdigt. „Unsere Forderung ist solide begründet.“ Der Aufschwung sei robust. Die wichtigen wirtschaftlichen Kennzahlen lägen auch in der chemischen Industrie auf einem „sehr ordentlichen“ Niveau. „Das sind gute Voraussetzungen für eine knackige Tarifrunde“, bekräftigt IG-BCE-Tarifexperte Werner Bischoff.


Tabelle  Infografik: Tarifforderungen und -abschlüsse 2007


Vor einer „knackigen“ Tarifauseinandersetzung steht auch der öffentliche Dienst. Die Tarifverträge für den Bund und die Gemeinden laufen Ende Dezember aus. Die bisher letzte Einkommenserhöhung gab es im August 2004, sie betrug lediglich ein Prozent. Daher besteht nach Meinung aller Gewerkschaften nun großer Nachholbedarf. Bei der Lohnforderung werde mindestens die Fünf vor dem Komma stehen, hat der Verhandlungsführer des Beamtenbundes, Frank Stöhr, bereits angekündigt. Er erwartet wie Verdi-Chef Franz Bsirske einen „harten Arbeitskampf“ und schließt auch Streiks nicht aus.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Lukrative Altersteilzeitregelung soll erhalten bleiben

Kanzlerin Angela Merkel hat den öffentlich Bediensteten zwar Einkommenserhöhungen in Aussicht gestellt. Auch sie sollten am Aufschwung teilhaben, versprach die Kanzlerin Ende November beim Kongress des Deutschen Beamtenbunds (DBB). Doch über den Umfang gehen die Vorstellungen weit auseinander. So können sich die kommunalen Arbeitgeber gerade einmal ein Plus von 2,9 Prozent vorstellen, aber nur, wenn im Gegenzug die Wochenarbeitszeit in Westdeutschland von 38,5 auf 40 Stunden verlängert würde. Verdi und DBB wollen da nicht mitspielen.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ist derzeit noch mit den Nachwehen der Tarifrunde 2007 beschäftigt. Sie hat mitten im Weihnachtsgeschäft zu Streiks im Einzelhandel aufgerufen, um die sich seit April hinschleppenden Tarifverhandlungen endlich zum Abschluss zu bringen. Die nächste Tarifrunde für die Metallbranche steht erst im Oktober 2008 an. Ein Grund mehr, warum im kommenden Jahr die Tarifmusik vor allem bei IG BCE und Verdi spielen wird.

Nicht nur um Lohnerhöhungen geht es bei der Tarifrunde 2008. Die IG BCE will beispielsweise für die Chemiebeschäftigten auch die lukrative Altersteilzeitregelung erhalten. Dafür braucht sie allerdings den Gesetzgeber. Der müsse dafür sorgen, fordert IG-BCE-Chef Schmoldt, dass die Förderung der Altersteilzeit durch die Bundesagentur für Arbeit Ende 2009 nicht ersatzlos ausläuft. „Die Politik darf die älteren Arbeitnehmer nicht im Regen stehen lassen.“

Die IG Metall fordert für ältere Stahlarbeitnehmer einen zusätzlichen freien Tag für jedes Lebensjahr über 50. „Ein Drittel unserer Angestellten ist über 50“, sagt dazu der Hauptgeschäftsführer des Stahlarbeitgeberverbands, Becher. „Wir können es uns nicht leisten, die alle bei voller Bezahlung weniger als die tarifliche Arbeitszeit von 35 Stunden arbeiten zu lassen.“

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