Das erste Jahr als Parteichef
Die Organisation Müntefering

Der rote Schal ist aus Kuschelwolle und sieht mitgenommen aus. Der Mann mit dem Schal schüttelt vor acht Tagen Hände beim Neujahrsempfang der SPD in Wesel. Mag die Heizung brummen, das rote Markenzeichen hat er um den Hals. Speckig die Ränder, zerzaust die Fransen. Spuren der Abnutzung von einem Jahr, das war wie kein anderes. Nur Franz Müntefering könnte sagen, wie viel Kraft es ihn gekostet hat. Aber über solche Dinge pflegt er nicht zu reden.

BERLIN.Vor einem Jahr hat Gerhard Schröder das Schicksal der Partei in die Hände des Mannes mit dem Schal gelegt. Er sollte sie retten, sie drohte an der Agenda des Kanzlers zu zerbrechen. „Münte“ schulterte „eine der größten Aufgaben seit 1949“, wie Parteipatriarch Hans-Jochen Vogel sagte. Inzwischen bringt es die Partei wieder auf 33 Prozent. Ein Geschenk des tölpelhaften Gegners? Schlichte Gewöhnung an die Härten der Agenda? Oder doch der Münte-Effekt? Ein Erklärungsversuch.

6. Februar 2004, die Deutschlandreise des Franz Müntefering beginnt. Es ist der Tag, an dem der Fraktionschef mit Schröder in Berlin vor die Presse tritt und sagt, SPD-Vorsitzender sei „das schönste Amt neben dem Papst“. Seither agiert die Doppelspitze, um die sich die Legenden ranken. Seither vermeiden beide Männer fast perfekt, Anlass für Spekulationen zu liefern.

Die Rede, die der Mann mit Schal damals hält, ist bis heute im Kern die gleiche geblieben: Die Geschichte vom Jungen aus dem Sauerland, der aus wirklich kleinen Verhältnissen kommt und Karriere macht in einer großen Partei. Der lange gedacht hat, dass soziale Politik Ausbau des Sozialstaates bedeutet. Der dann erleben muss, wie rasend schnell sich die Welt ändert und das sozialdemokratische Modell keine Chance mehr hat. „Wir müssen das machen“, hat er damals in Thüringen immer wieder gesagt mit seinen kurzen Sätzen, so als müsse er sich selbst Mut machen. Da begann sie, die Überzeugungsarbeit als Selbsterfahrung. Eines aber war damals schon klar: Dieser Mann ist aus eigenem Recht unterwegs.

Müntefering hat der Partei die Politik nahe gebracht, die auch seine zunächst gar nicht war. „Ich habe selbst lange Zeit gebraucht, ehe ich mich damit abgefunden habe“, bis er das Wort „Agenda“ so selbstverständlich in den Mund nehmen konnte. Heute klingt es fast, als habe er sie selbst erfunden. Wenn der Bilderbuch-Sozi Müntefering etwas kann, dann dazulernen.

Als Wendepunkt dieses Jahres kann der 19. September 2004 gelten, der Tag der Wahlen in Brandenburg und Sachsen. Zwar schafft Matthias Platzeck in Potsdam nur mit Ach und Krach den Machterhalt, in Sachsen rutscht die SPD gar unter zehn Prozent. Müntefering spricht dennoch dreist von „eindeutigem Sieg“ – schiere „Chuzpe“, meint einer der wenigen engen Vertrauten. Eine Woche später dann die Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen, bei der die SPD sich zumindest wacker schlägt. „Hab mir gedacht, fährste mal dahin, wo die Sozis wieder gewinnen“, sagt Müntefering in Wesel. Jubel. In der ersten Reihe sitzt der neue Bürgermeister von Wesel, eine Frau: Ulrike Westkamp, SPD.

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