„Das Glück gehört den Tüchtigen“: Rot-Grün und das Wunder von Kiel

„Das Glück gehört den Tüchtigen“
Rot-Grün und das Wunder von Kiel

Das nächtliche Wahldrama in Schleswig-Holstein, von den Sozialdemokraten als eine Art "Wunder von Kiel" gefeiert, hat die SPD-Spitzen Schlaf gekostet. Auch dem Kanzler war Erleichterung darüber anzumerken, einen CDU - FDP-Triumph in Kiel um Haaresbreite verhindert zu haben.

HB BERLIN. Die SPD-Spitzen ließen auf sich warten. Mit Verspätung versammelte sich am Montag das Präsidium in Berlin. Das nächtliche Wahldrama in Schleswig-Holstein, von den Sozialdemokraten als eine Art "Wunder von Kiel" gefeiert, hatte alle Schlaf gekostet. "Eine fantastische Nacht", schwärmte Franz Müntefering noch, als er Heide Simonis im Willy-Brandt-Haus einen Strauß roter Gerbera überreicht hatte.

Auch dem Kanzler war Erleichterung darüber anzumerken, einen CDU - FDP-Triumph in Kiel um Haaresbreite verhindert zu haben. Die Wähler hätten dort jetzt für eine "spezielle Situation" gesorgt, Simonis werde sicher das Beste daraus machen, gab sich Gerhard Schröders staatsmännisch-zurückhaltend. Für den Kanzler hat das Überleben von Rot-Grün in Kiel auch ganz praktische Auswirkungen: bis zur Bundestagswahl braucht er nun eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Union im Bundesrat und die daraus resultierende Blockade von Bundesgesetzen nicht mehr zu fürchten.

"Das Glück ist mit den Tüchtigen", freute sich Müntefering und vergoss Schadenfreude über die Spitzenkandidaten von CDU und FDP, die etwas voreilig bereits den Machtwechsel in Kiel als Faktum ausgerufen hatten: Da hätten sich "zwei Leichtmatrosen für einige Stunden als Kapitän" gefühlt: "Jetzt hat sie die Lebenswirklichkeit eingeholt." Und Simonis kokettierte, dass sie offenbar am Wahlsonntag vor allem bei älteren Herren nicht so gut angekommen sei: "Da muss ich nacharbeiten".

Bemüht klangen dagegen die SPD-Versuche, die satten Stimmverluste der eigenen Partei klein zu reden. Generalsekretär Klaus-Uwe Benneter präsentierte sogar kühne Berechnungen für seine These, dass es eigentlich für die SPD in Kiel am Sonntag nur aufwärts gegangen sei.

Schon nachdenklicher ging es hinter den verschlossenen Türen zu. Einige Ratlosigkeit herrschte im Präsidium bei der Ursachenforschung über die Wahlschlappe. Der Anstieg der Arbeitslosenzahl auf über fünf Millionen habe der SPD in der Schlussphase im Wahlkampf sicher geschadet, räumte der Kanzler ein. Auch deshalb sei das jetzige Ergebnis ganz passabel.

Spürbar beunruhigt auf die Kieler SPD-Schlappe reagierten die Parteifreunde aus Nordrhein-Westfalen, die in genau 90 Tagen die bisherige SPD-Festung verteidigen wollen. "Zusätzliche Maßnahmen" aus Berlin verlangte Ministerpräsident Peer Steinbrück, ohne allerdings genau zu sagen, was er sich darunter vorstellt. Steinbrück und SPD - Landeschef Harald Schartau machten auch Druck, etwas dagegen zu unternehmen, dass die "Visa-Affäre" der Grünen bis zu ihrer Wahl im Mai einfach weiter vor sich "hinbrutzelt".

Die Grünen sind erleichtert, wenn auch nicht zufrieden, dass sie ihr Ergebnis von 2000 halten konnten. Sie wissen aber, dass sie mit einem blauen Auge davon gekommen sind. Mit Blick auf die erwarteten "harten Auseinandersetzungen" in NRW möchten sie die Visa-Affäre zu einem für sie glücklichen Ende führen. Das soll vor allem Außenminister Joschka Fischer mit einer frühzeitigen Zeugenaussage vor dem Untersuchungsausschuss reißen. Darauf dringen die NRW-Grünen und rennen damit bei manchem Grünen der Bundesspitze offene Türen ein.

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