Das Ländle fällt zurück

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Das Ländle fällt zurück

Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger zeigt sich gerne bei mittelständischen Unternehmen wie zuletzt am vergangenen Mittwoch beim Stofftierproduzenten Steiff in Giengen an der Brenz. Zumal die Geschichte des Unternehmens nach der Verfilmung bundesweit in aller Munde ist. Sie handelt von Margarete Steiff, die trotz ärmlicher Herkunft, halbseitiger Lähmung mit Fleiß, Ausdauer und Geschick vor 125 Jahren ihr Unternehmen aufbaute.

HB STUTTGART. Sie verfügte über die Eigenschaften, die generell als Gründe für den wirtschaftlichen Aufstieg Baden-Württembergs genannt werden.

Doch über der Idylle des prosperierenden Musterländles sind in den vergangenen Jahren dunklere Wolken aufgezogen. Steiff galt lange als Musterbeispiel für „Made in Germany“, und das in einer Branche, die anderswo längst nach Fernost abgewandert ist. Aber auch Steiff muss sich der Globalisierung beugen. Bei der neuen preisgünstigen Bärenserie bricht Steiff mit der Tradition und lässt die Tiere mit dem „Knopf im Ohr“ komplett in Fernost herstellen.

Bei anderen ist die Lage noch prekärer. Märklin verlagert die Montage nach Ungarn. Die Liste der Firmen, die in Baden-Württemberg Stellenabbau angekündigt haben, ist bedrückend lang und geht mit Auwärter, Heidelberger Zement, Freudenberg oder Getrag weit über die bundesweit bekannten großen Kahlschläge bei Mercedes, IBM und T-Systems hinaus.

Bereits seit einigen Jahren gehen die Zahlen der sozialversicherungspflichtigen Vollzeit-Jobs zurück, im Durchschnitt der ersten drei Quartale 2005 allein um 23 000 in Baden-Württemberg. Dass unter dem Strich ein Beschäftigungsplus von 20 000 Erwerbstätigen herauskommt, begründet die Präsidentin des Statistische Landesamtes Gisela Meister-Scheufelen vor allem durch Minijobs und Ich-AGs. Zwar liegt das Wirtschaftswachstum 2005 mit 1,25 Prozent über dem Bundesdurchschnitt von 0,8 Prozent, aber die Beschäftigungslage bleibt nach Einschätzung von Meister-Scheufelen angespannt – obwohl die Aussichten für 2006 „positiv wie lange nicht mehr“ sind. Für dieses Jahr rechnet die Präsidentin mit einem Wachstum von zwei Prozent. Die zunehmenden Dynamik wird aber nach Berechnungen des Amtes nur 25 000 neue Jobs bringen. Und die kommen nicht aus der Industrie. Im Gegenteil: Die Industrie wird 2006 mindestens 15 000 Stellen verlieren. „Wir brauchen noch mehr Flexibilisierung“, fordert der stellvertretende Geschäftsführer der IHK Region Stuttgart Bernd Engelhardt. Der reine Lohnvergleich zum Ausland täusche. Wenn man bei Verlagerungen alle Risiken und Kosten einberechne, dann müsse man die Arbeitskosten nur um zehn Prozent senken und die Attraktivität der Abwanderung verringere sich dramatisch.

Scheinen die goldenen Zeiten im Südwesten vorbei, so leidet das Land auf vergleichsweise hohem Niveau. Von Januar bis November 2005 erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen zwar um über 40 000 auf rund 380 000. Aber das lag vor allem an der Berücksichtigung von erwerbsfähigen Sozialhilfeempfängern in der Arbeitslosenstatistik im Zuge von Hartz IV. Mit einer Arbeitslosenquote von unter sieben Prozent hat der Südwesten aber weiterhin die niedrigste im ganzen Land. Die Exporte der auf Investitionsgüter spezialisierten Industrie legten 2005 um über sieben Prozent zu und liegen ebenfalls auf einem Spitzenplatz. Alles keine schlechten Werte, aber der einst gigantische Vorsprung zu anderen Ländern schrumpft.

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