Das Milliarden-Loch
Wie der Niedrigzins unsere Rente vernichtet

Der Staat kann seine Schulden dank Mini-Zinsen zügiger abbauen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Nicht nur private Lebensversicherungen bringen kaum Rendite, auch für die staatliche Rente ist bald kein Geld mehr da.
  • 21

DüsseldorfWolfgang Schäuble kann sich freuen: Als erstem Finanzminister seit fast fünf Jahrzehnten ist es ihm gelungen, den Bundeshaushalt auszugleichen. Und damit nicht genug: Seit Jahren fallen die Zinsen. Wenn Schäuble – dank der Zentralbank – auch künftig teure, alte Schuldscheine durch billige, neue ersetzen kann, dann gehen die fetten Jahre weiter – und der Minister muss immer weniger Geld im Haushalt für Zinszahlungen reservieren.

Doch die Niedrigzinsphase hat eine Schattenseite – eine große sogar: Denn den Staat plagt nicht nur der offizielle Schuldenberg von derzeit 2,2 Billionen Euro, sondern auch ein unsichtbarer, noch größerer Berg. Und dieser Berg schrumpft nicht, wenn die Zinsen sinken, sondern er wächst.

Entwicklung der Rücklagen der Sozialkassen

2010-2014, in Milliarden Euro



Zu dieser sogenannten impliziten Schuld gehören all jene künftigen Leistungen, die der Staat den Menschen versprochen hat und versprechen wird – und für die er nicht genug Geld haben wird, sollte sich an den Gesetzen nichts ändern. Dazu zählen die künftigen Renten der heute Arbeitenden, aber auch ihre Gesundheits- und Pflegekosten. Weil die Bevölkerung schrumpft, erwerben die vielen Jungen heute Ansprüche, die sich aus den Steuern und Beiträgen der künftigen Jungen kaum zahlen lassen.

Nach Berechnungen von Stefan Moog vom Freiburger Forschungszentrum Generationenverträge sind diese Schulden aus heutiger Sicht doppelt so hoch wie die offiziellen – sie liegen bei rund viereinhalb Billionen Euro. Um diesen Wert sind die Leistungen, die der Staat allen heute lebenden Menschen wird auszahlen müssen, größer als die Steuern und Sozialbeiträge, die die Menschen einzahlen werden.

Doch die Sache hat einen Haken: Die Rechnung basiert auf der Annahme, dass der langfristige Durchschnittszins in Deutschland bei drei Prozent liegen wird. Gemeint ist der Realzins, also der nach Abzug der Inflation. In der aktuellen Situation – wo der Realzins sogar deutlich unter null liegt – erscheint der Wert unplausibel hoch. Zwar sind sich die meisten Beobachter einig, dass die Niedrigzinsphase irgendwann endet. Doch ob er wirklich wieder auf alte Höhen steigt?

Tut er es nicht, wird es für den Staat gefährlich: Bereits, wenn man statt drei Prozent Zinsen zweieinhalb ansetzt, steigt die implizite Schuld von 4,5 auf 6,8 Billionen Euro, wie Rechnungen des Forschungszentrums für das Handelsblatt zeigen. Bei einem langfristigen Durchschnittszins von zwei Prozent wären es sogar 11,8 Billionen. 

Der Grund für die Abhängigkeit vom Zins: Die implizite Schuld gibt an, welches Vermögen der Staat heute beiseitelegen müsste, um die künftigen Ansprüche der Menschen bezahlen zu können. Da dieses Vermögen verzinst würde, gilt folgender Zusammenhang: Je niedriger die Verzinsung, desto mehr muss heute als Puffer zur Seite gelegt werden.

Seite 1:

Wie der Niedrigzins unsere Rente vernichtet

Seite 2:

Warum Firmen noch besser vorsorgen müssen

Kommentare zu " Das Milliarden-Loch: Wie der Niedrigzins unsere Rente vernichtet"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • 100% sind falsch, mit der Kapitalertragsteuer sind es etwa 130%

  • An Herrn Jens Müller:
    Das verbrecherische Umlagestystem hat adenauer 1957 eingeführt und ER hat die Rentenkasse ENTEIGNET!!!!

  • Rürup ist genau der Richtige mit dem sich das Handelsblatt verbündet! ;-)

    "Der Staat kann seine Schulden dank Mini-Zinsen zügiger abbauen. "

    Ob das die richtige Sicht der Dinge ist, bezweifle ich. Richtig ist, dass diese Niedrigzinsen nichts anderes bewirken als eine Zinsbesteuerung zu 100 %.

    Schreiben Sie einmal auf, wer davon betroffen und wer davon begünstigt ist. Schnell stellen Sie fest, dass es die Begünstigten die sind, denen die Nullzinsen zu verdanken sind.

    Dies als asoziales Verhalten zu bezeichnen ist wohl die Sache schön geredet.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%