Das Phänomen Merkel
„Eine Mutter kann nicht abgewählt werden“

Der Psychoanalytiker und Bestseller-Autor Hans-Joachim Maaz sieht das Ergebnis der Bundestagswahl kritisch. Im Interview erklärt er, warum Merkel von einer Muttersehnsucht der Deutschen profitiert und was das bedeutet.
  • 71

Hans-Joachim Maaz hat mit seinem Buch „Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm“ einen Bestseller gelandet. Der Psychoanalytiker und Autor, der in der DDR aufgewachsen ist und in Halle Chefarzt war, ist ein freundlicher, weißhaariger Herr. In zwei Stunden soll er einen Vortrag vor Bankern und ihren Kunden halten. Das Thema ist letztlich die Gier und wie sie entstanden ist. Maaz ist sich nicht sicher, ob er der richtige für dieses Thema ist. Als Psychiater beobachtet er den einzelnen Menschen, aber versucht immer wieder seine Erkenntnisse auf die Gesellschaft, die Politik und die Wirtschaft zu übertragen.

Herr Maaz, Angela Merkel hat die Wahlen gewonnen. Haben die Deutschen Sehnsucht nach Mutti?

Auf jeden Fall profitiert Merkel von dieser Vorstellung. Eine Mutter kann schließlich nicht abgewählt werden. Ich glaube, die meisten Menschen haben eine Muttersehnsucht, wollen das aber nicht wahrhaben. Sie projizieren deswegen diese Sehnsucht auf Frauen, die das garantiert nicht erfüllen können. Merkel ist so ein Fall. Darin liegt ein Grund für ihren Wahlerfolg.

Und wer soll mit ihr nun koalieren? Wer passt aus Sicht des Psychiaters zu ihr?

Zu ihr passt keiner. Eben weil sie die Rolle der Mutter übernommen hat. Sie wird hofiert, dabei müsste ein Koalitionspartner sie auch angreifen dürfen. Das macht aber keiner der männlichen Politiker, die als Koalitionspartner in Frage kämen. Deswegen wird sie lieber – wie jetzt gerade – systematisch ausgehungert.

Haben Sie gewählt?

Ja, weil ich eine andere Politik erzeugen wollte.

Was für eine?

Eine, die das Konkurrenzdenken weniger fördert. Als Psychiater kenne ich viele Menschen, die erfolgreich sind, sich aber geplagt fühlen. Sie ersetzen ihren Mangel an innerer Bestätigung durch äußere Werte. Diese seelische Problematik weitet sich aus. Sie erfasst die ganze Gesellschaft mit dem Erfolg, dass wir Wachstum erzeugen müssen, dass uns das aber nicht mehr Wohlstand bringt, sondern uns zerstört.

Jetzt brauchen wir ein Beispiel ...

... nehmen Sie die Kinderbetreuung. Niemand führt die Diskussion aus der Perspektive der Kinder, sondern stets wird aus der Perspektive der Eltern argumentiert. Die Eltern sollen ungestört arbeiten können, deswegen sollen schon Kleinstkinder von anderen betreut werden. Aus der DDR wissen wir, wie schädlich Krippenerziehung ist. Und trotzdem übertragen wir jetzt diese DDR-Verhältnisse auf ganz Deutschland.

Nach der Wahl ist klar, dass die linken und die rechten Wähler in Deutschland zwei etwa gleich starke Gruppen ergeben. Gibt es ein deutsches Lebensgefühl?

Deutsche verleugnen oft die Gefahren. Sie wollen nichts Bedrohliches sehen. Das Unangenehme, das Peinliche wird weggeschoben. Sie nehmen keine Positionen ein, die kritisiert werden können. Die Tendenz sich zu vergnügen, geht mit der Neigung einher zu verleugnen, zu welchem Preis so ein Leben nur zu haben ist.

Seite 1:

„Eine Mutter kann nicht abgewählt werden“

Seite 2:

„Banker können nicht von Politikern beaufsichtigt werden“

Kommentare zu " Das Phänomen Merkel: „Eine Mutter kann nicht abgewählt werden“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wir werden von Politikern regiert, die viele Symptome des malignen Narzismus aufweisen, wie z. B. Egomanie, Machtwahn, emotionale Kälte, Skrupellosigkeit, notorisches Lügen, Sucht nach öffentlicher Selbstdarstellung, fehlende Emphathie usw.
    Wenn unsere Politiker weitgehend narzistisch sind, wie weit wirkt sich diese Störung auf die gesamte Gesellschaft aus? Ich wäre sehr gespannt darauf, was Herr Maaz darauf antwortet.

  • Betacom: Wieso darf meine eine demokratische Entscheidung nicht kritisch sehen? Na ja, so ist das halt, wenn man im Westen aufgewachsen ist und Demokratie mit Demokratismus verwechselt.

    Vorzugsweise haben ihr die Medien diese Rolle angedacht und das Volk hat sie bereitwillig übernommen: wer ist denn das Volk, Sie etwa? Ich kenne niemanden, der das übernommen hat.

    "Eine [Politik], die das Konkurrenzdenken weniger fördert." Was ist daran verwerflich? Wer spricht von menschenverändernder Politik? Niemand, außer Ihnen!

    Ja, so ist das halt, wenn man im demokratischen Westen aufgewachsen ist: man kann nicht lesen und vor allem wird keine andere Meinung geduldet.

  • Das Schöne an der Psychologie ist, dass sie irgendwie immer recht zu haben glaubt. Wohlgemerkt, irgendwie! Fangen wir mit der ersten Behauptung an: Eine Mutter kann man nicht abwählen. Das ist wohl wahr. Diese Aussage hat die gleiche Qualität, als wenn man sagen würde. Eine Kugel ist immer rund. Die Eigenschaft der Kugel rund zu sein kann man ihr nicht nehmen. Genauso wenig kann man einem Kind die Eigenschaft Kind eine Mutter zu sein, nehmen kann. Nach I. Kant ist dies ein analytisches Urteil. Dies liegt bekanntlich immer dann vor, wenn die Wahrheit und Falschheit durch den Begriff schon festgelegt. Es bringt somit keinen Erkenntnisgewinn. Dies hält den Autor nicht davon ab aus diesem analytischem Urteil den Schluss zu zuziehen, dass alle Deutschen in der Anbetung der Bundeskanzlerin ihr Muttersehnsüchte zu stillen. Endlich scheint der Autor den Stein der Weisen zu finden, warum fast alle Deutschen schmachtend Merkelianer werden. Offenbar braucht Merkel keine gute Politik zu machen. Nein, sie braucht nur Frau zu sein. Noch besser Mutter, was sie leider nicht ist, sonst wäre sie bis zu ihrem freiwilligen Rücktritt eine politische Muttersehnsuchtserfüllerin. Toller geht es nimmer.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%