Datenskandal Whistleblower erhebt schwere Vorwürfe gegen Cambridge Analytica und Facebook

Der Whistleblower Christopher Wylie glaubt, dass beim Brexit-Votum manipuliert wurde – und dass Cambridge Analytica beteiligt gewesen ist.
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Analytica und Facebook: Whistleblower erhebt schwere Vorwürfe Quelle: AFP
Christopher Wylie

Der ehemalige Mitarbeiter von Cambridge Analytica während der Anhörung vor dem Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments.

(Foto: AFP)

LondonVor einem Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments erhebt ein Ex-Mitarbeiter von Cambridge Analytica schwere Vorwürfe – gegen die Unternehmensgruppe genauso wie gegen reiche Briten. Und er vertritt die Meinung, dass beim Brexit-Votum manipuliert wurde.

Als der Whistleblower Christopher Wylie am Dienstagmorgen vor den Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments tritt und anfängt zu reden, rechnen die Abgeordneten mit einem spannenden Bericht – doch was der 28-Jährige mit der pinkfarbenen Stoppelfrisur dann erzählt, übertrifft die Erwartungen bei Weitem.

Von reichen, gelangweilten Briten berichtet der zunehmend aufgeregte Wylie, die in den Führungsebenen von Cambridge Analytica (CA) und deren Muttergesellschaft Strategic Communication Laboratories (SCL) arbeiteten um „etwas zu tun zu haben“. Davon, wie CA ein Schein-Büro in Cambridge aufsetzte, um Steve Bannon zu beeindrucken. Und wie Wylies Vorgänger – der Sohn eines rumänischen Politikers – unter mysteriösen Umständen in einem kenianischen Hotelzimmer ums Leben kam.

Laut Wylie gehören die drei Gesellschaften SCL, CA und AggregateIQ (AIQ) zusammen und haben nicht zuletzt beim EU-Referendum in Großbritannien ihren Einfluss geltend gemacht, um die Meinung der Briten zu beeinflussen. AIQ bestreitet eine Verbindung zu SCL. Alle beteiligten Unternehmen bestreiten, Gesetze gebrochen zu haben.

Er sei fest davon überzeugt, dass diese Unternehmen Gesetze gebrochen haben, schildert Wylie in der mehrstündigen Sitzung des Untersuchungsausschusses in London. Und das mache ihn „so wütend“, sagt er, zunehmend emotional und atemlos. Trotz seiner pinkfarbenen Haare und dem Nasenring befürworte er eigentlich den Ausstieg aus der Europäischen Union, versichert er und pocht aufgeregt auf den Tisch, aber er sei überzeugt davon, dass die Briten bei dem EU-Referendum manipuliert worden seien.

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Die Abgeordneten sollten ihren Einfluss nutzen und die Behörden auffordern, die Vorgänge zu untersuchen.

Es sei auch irrelevant, wie stark das Ergebnis durch Manipulation beeinflusst wurde, sagte Wylie: Wenn ein Sportler des Dopings beschuldigt werde, schaue man auch nicht, wie stark das seine Leistung bei den Olympischen Spielen verändert habe, sondern sperre ihn. Man könne „absolut glaubhaft“ sagen, dass es ein anders Ergebnis in dem EU-Referendum hätte geben können, wenn nicht betrogen worden wäre.

Job bei Cambridge Analytica als Zeitvertreib

Man könne nicht zulassen, dass „in unserer Demokratie betrogen wird“, ruft er. „Das war doch keine Lokalwahl! Das Ergebnis kann nicht rückgängig gemacht werden.“ Er sei der Meinung, dass CA nicht weiter im Geschäft bleiben solle.

Whistleblower Wylie hatte seine Informationen zunächst der Journalistin Carole Cadwalladr von der Zeitung „The Guardian“ erzählt. Sie beschrieb, wie mächtige Politiker die Wähler beeinflussen können – und selbst von noch mächtigeren Menschen beeinflusst werden. Der frühere Chef von CA, Alexander Nix, musste daraufhin seinen Posten aufgeben.

Das dürfte Nix aber zumindest finanziell nicht treffen, berichtet Wylie: Einmal sei Alexander Nix sehr in Eile gewesen, weil er einen Kronleuchter für 200.000 Pfund abholen sollte, schildert Wylie. Auch andere Mitarbeiter aus dem Umkreis von CA seien nicht auf Geld angewiesen gewesen, sondern bräuchten lediglich eine Beschäftigung. Und da CA viel in Entwicklungsländern gearbeitet habe, habe sich das in diesen Kreisen gut gemacht.

Wylie selbst lebt seit einigen Jahren in Großbritannien. Aufgewachsen war er jedoch in Kanada als Kind eines Arztes und einer Psychologin. Mit 17 Jahren brach Wylie die Schule ab. Er entdeckt seine Liebe zu der digitalen Welt, bringt sich selbst Programmieren bei. Mit 20 geht er nach Großbritannien und stößt bald auf eine Studie der Universität Cambridge, die seinen weiteren Weg entscheidend beeinflusst.

Die Studienautoren vertreten in dem Papier die Meinung, dass computergenerierte Einschätzung auf Basis der digital verfügbaren Informationen so gut sind, dass sie zutreffender sind als das, was Freunde übereinander sagen würden. Diese Einschätzung lässt Wylie nicht los – und sie wird zur Basis der Firma CA, die seiner Aussage nach letztlich nur „ein Projekt von SCL“ sei, ohne eigene Mitarbeiter.

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26 Kommentare zu "Datenskandal: Whistleblower erhebt schwere Vorwürfe gegen Cambridge Analytica und Facebook"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • @ Enrico Caruso
    28.03.2018, 19:02 Uhr

    "Doch, das haben Sie, Frau Bollmohr. Garantiert!"

    Das ist eine Falschbehauptung.

  • Dass, was Cambridge Analytica in den USA gelungen ist, steht uns in Deutschland ja möglicherweise noch bevor. Auch hier versuchen Kräfte wie die AfD, die Medien auszuhebeln mit dem Kampfbegriff der "Lügenpresse". Ähnlich wie Trump, der sich im "Krieg mit den Medien" sieht, will auch die hiesige AfD die Medien einschränken. Damit soll dem Lügen-Monopol der Internet-Propagandisten der Weg geebnet werden. Es ist kein Zufall, dass vermögende Oligarchen diese Entwicklung mit ihren Millionen unterstützen. Mit Präsidenten wie Trump hat man Arbeitgeber-freundliche Oligarchen an der Macht, die radikal gegen den Sozialstaat vorgehen und Geschäfte mit international agierenden Familienclans betreiben. Das ist die Zukunft. Und die deutsche Trump-Partei, die AfD, will genau dies vorantreiben.

  • Das Problem mit Trump und den Lügen-Kampagnen im Internet ist: Trump hat zwei mächtige Verbündete: Facebook und den russischen Geheimdienst. Wenn sich nichts ändert, werden diese beiden auch bei der nächsten Wahl ihre bewährte Mischung aus Propaganda und Lügen an die geistig labilen Wähler passgenau verabreichen. Das Reservoir ist riesig. Und wenn Trump zwischendrin geschickt den Staffelstab an einen seiner Söhne übergibt, dürfte sich die Dynastie Trump einige Generationen lang an der Macht halten können.

  • <<Eine andere Antwort habe ich von Ihnen auch nicht erwartet.>>

    Doch, das haben Sie, Frau Bollmohr. Garantiert!
    Von mir hätten Sie so eine Antwort erwartet, aber nicht von Ihrem Schützling.

  • @Herr Tomas Maidan
    28.03.2018, 17:13 Uhr

    Eine andere Antwort habe ich von Ihnen auch nicht erwartet.

  • Tolles Blabla Frau Bollmohr.

  • @Herr Tomas Maidan, 28.03.2018, 11:13 Uhr

    „Soso, meine Beiträge werden editiert, weil ich "persönlich" geworden bin. Die Bezeichnungen "Du dämlicher SPD-Troll", "Gott ist für einen Troll wie Dich nicht mehr erreichbar", "verräterischer Sozi", die man mir zukommen lässt, sind dagegen nach Meinung der Handelsblatt Redaktion okay.“

    Kleiner Tipp: Sie sollten nicht auf jede Provokation einsteigen.

    Selbstverständlich wird jeder, der über eine gewisse gesunde Distanziertheit und eine unvoreingenommene Beobachtungsgabe bezüglich seines näheren und ferneren Umfelds verfügt (und bei normal funktionierenden Verstand ist) Whistleblower für glaubwürdiger halten als die Putin, Trump, Erdogan & Co. offenbar in Nibelungentreue verbundenen Trolle hier. Schon deshalb, weil Whistleblower – ganz im Gegensatz zu den üblichen Trollen - etwas riskieren (oft viel). Sonst wären sie auch erstens überflüssig (was sie aber leider - ich hoffe: noch!! - ganz offensichtlich nicht sind) und zweitens keine Whistleblower, sondern Denunzianten.

    Was genau an den Berichten von Whistleblowern „dran“ ist, muss natürlich umfassend und transparent von unabhängigen(!!) Stellen geklärt werden.

    Aber gerade der Umstand, dass Whistleblower nicht so eiskalt berechnend agieren wie Putin und Konsorten, sondern durchaus glaubhafte Emotionen zeigen („… berichtet der zunehmend aufgeregte Wylie,"; „“Und das mache ihn „so wütend“, sagt er, zunehmend emotional und atemlos. Trotz seiner pinkfarbenen Haare und dem Nasenring befürworte er eigentlich den Ausstieg aus der Europäischen Union, versichert er und pocht aufgeregt auf den Tisch, aber er sei überzeugt davon, dass die Briten bei dem EU-Referendum manipuliert worden seien") macht ihre Aussagen sehr glaubwürdig.

    Selbstbeherrschung ist gleichwohl immer von Vorteil, gerade weil man sonst leicht zum dankbaren Opfer für allerlei einem übelgesonnene Mitmenschen wird.

    Und: Wenn man meine Kommentare löscht, nehme ich das einfach zur Kenntnis und denke mir mein Teil.

  • Soso, meine Beiträge werden editiert, weil ich "persönlich" geworden bin. Die Bezeichnungen "Du dämlicher SPD-Troll", "Gott ist für einen Troll wie Dich nicht mehr erreichbar", "verräterischer Sozi", die man mir zukommen lässt, sind dagegen nach Meinung der Handelsblatt Redaktion okay.

    Manchmal hat man das gefühl, das Handelsblatt schreibt die beiträge von Peter Spiegel, und Caruso selbst.

  • All clear Spiegel. In jedem normalen Lokal würden Sie für solches Gemotze Hausverbot bekommen. Nur beim Handelsblatt ist immer Tag der offenen Tür.

  • Gott ist für so einen Troll wie dich schon lange nicht mehr erreichbar.
    (...)Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Diskutieren erwünscht – aber richtig“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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