Dauerpatienten erhalten nicht die richtige Hilfe
Behandlung chronisch Kranker wird zu teuer

Der Versuch der Bundesregierung, Mängel bei der Versorgung chronisch Kranker durch spezielle Therapien (Disease-Management-Programme, DMP) auszugleichen, droht zu scheitern. „Die Programme sind überfrachtet. Das führt zur Masse statt Klasse und ist medizinisch und ökonomisch falsch.“ Diese vernichtende Bilanz hat Christoph Straub, Mitglied des Vorstands der Techniker-Krankenkasse gestern gezogen.

pt BERLIN. In den Programmen lernen Patienten beispielsweise, sich gesünder zu ernähren. Sie werden angehalten, ihre Medikamente regelmäßig zu nehmen. Die Dokumentation dieser Arbeit sei mit erheblichem bürokratischem Aufwand verbunden, klagen die Ärzte. Damit jedoch nicht genug: „Die Anreize sind falsch gesetzt“, moniert der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Manfred Richter-Reichhelm.

Die Kassen erhalten nämlich für jeden Versicherten, der sich in ein solches Programm einschreibt, viel Geld aus dem Risikostrukturausgleich. In der Regel gebe es mehr, als die Behandlung koste, hat das Institut für Gesundheit und Sozialforschung (Iges) in Berlin ermittelt. Dies aber führe dazu, so Richter- Reichhelm, dass die Kassen versuchten, ohne Rücksicht auf Qualität „die Einschreibquoten“ hochzutreiben. Die Ärzte gerieten dadurch in ein Dilemma. Da auch sie zusätzliches Honorar für jeden DMP-Patienten erhalten, sei für sie der Anreiz hoch, die Betreuung von Kranken, die nicht mitmachen, zu vernachlässigen, obwohl deren Therapiebedarf im Zweifel größer sei als der vieler eingeschriebener Patienten.

Die Chronikerprogramme wurden 2002 eingeführt, um die im internationalen Vergleich schlechte Versorgung von chronisch Kranken im deutschen Gesundheitssystem zu verbessern. Die mangelhafte Versorgung war dadurch entstanden, dass die Kassen seit Einführung der Wahlfreiheit unter den gesetzlichen Krankenkassen 1996 konkurrieren und dabei mit möglichst niedrigen Beitragssätzen werben. Niedrige Beiträge können sie jedoch nur halten, wenn sie viele gesunde und zahlungskräftige Mitglieder haben. Kassen, die besonders viele chronisch Kranke versichern, haben einen Wettbewerbsnachteil. Der soll durch DMP ausgeglichen werden, indem die Kassen mit besonders vielen chronisch Kranken entsprechend mehr Geld aus dem Finanzausgleich erhalten.

Diesen Ansatz hält das Iges-Institut, das sich seinerzeit für die Programme stark gemacht hatte, nicht mehr für richtig. Das Geld dürfe nicht mehr nach dem „Gießkannenprinzip“ verteilt werden, forderte gestern Iges-Direktor Bertram Häussler. Vielmehr müsse es auf die Patienten konzentriert werden, bei denen ein Behandlungserfolg zu erwarten sei.

Untersucht hat das Institut das Problem am Beispiel der Programme für Menschen mit altersbedingter Diabetes. Hier seien die größten Erfolge zu erreichen, wenn es gelinge, sie zu einer gesünderen Lebensführung zu bewegen, meint Iges-Chef Häussler. Bei erfolgreicher Therapie sind nach der Iges-Studie Einsparungen von 120 Millionen Euro im Jahr zu erreichen.

Allerdings sind die Kosten mit 260 Millionen Euro mehr als doppelt so hoch. Um sie zu senken, plädiert das Institut nun dafür, nur noch die reinen Programmkosten zu erstatten. Bislang erhalten die Kassen zusätzlich Zuschüsse zu ihren Leistungsausgaben. Nur wenn besondere Qualitätsanforderungen erfüllt werden, soll es weiterhin Zuschläge geben.

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