Debatte über Debeka-Datenhandel
„Eher die Hand abhacken, als Adressen verscherbeln“

Tausende Beamte sollen der Debeka-Versicherung gegen Geld Namen für neue Policen genannt haben. Die Empörung ist groß – nicht nur in der Politik. Die Zunft selbst reagiert gereizt und fordert ein hartes Durchgreifen.
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BerlinDie Vorwürfe des illegalen Datenhandels gegen Mitarbeiter der Debeka-Versicherung könnten sich ausweiten. Nach Handelsblatt-Recherchen soll es ein Netz von mehr als 10.000 Beamten geben, die für die Vermittlung von Versicherungen bezahlt wurden.

Über Jahre hinweg sollen demnach weit über 100 Millionen Euro geflossen sein. Die Debeka teilte am Mittwoch mit, es gebe zwar sogenannte Tippgeber. Dies jedoch stehe im Einklang mit dem Bundesbeamtengesetz.

Es werde dennoch geprüft, ob das Vorgehen mit den Tippgebern als nebenberuflichen Mitarbeitern angemessen sei, teilte die Debeka mit. Das übernehme die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die bereits mit internen Prüfungen bei den Koblenzern beauftragt worden war.

Der Deutsche Beamtenbund zeigte sich entsetzt über die Vorwürfe. „Für Korruption darf es gerade im öffentlichen Dienst kein Pardon geben. Eine widerrechtliche Weitergabe von Personaldaten durch Verwaltungsmitarbeiter gegen Bezahlung ist keine genehmigungsfähige Nebentätigkeit, sondern ein Straftatbestand, der in jedem Einzelfall nachgewiesen und sanktioniert werden müsste“, sagte Klaus Dauderstädt, Chef des Deutschen Beamtenbundes, dem Handelsblatt.

Soweit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als sogenannte Vertrauensleute von Versicherungen, Banken, Bausparkassen oder anderen Selbsthilfeeinrichtungen des öffentlichen Dienstes Vergütungen erhielten, würden die strengen Regeln des Nebentätigkeitsrechts mit seinen transparenten Anzeige- und Genehmigungspflichten greifen, so Dauderstädt.

Nach Einschätzung von Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, steht mit dem Skandal um Datenhandel bei der Debeka-Versicherung die Zukunft des gesamten Geschäftsmodells des Unternehmens auf dem Spiel.

„Wenn dahinter sogar ein System mit Tausenden von Zuträgern steht, würde das gesamte Geschäftsmodell der Versicherung infrage gestellt“, sagte Wendt dem Handelsblatt. Er selbst sei schon mehrfach von Versicherungen nach Adressen gefragt worden, fügte er hinzu. „Aber eher würde sich ein ehrbarer Beamter die Hand abhacken, als dass er Adressen verscherbeln würde.“

Kommentare zu " Debatte über Debeka-Datenhandel: „Eher die Hand abhacken, als Adressen verscherbeln“"

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  • Wie hier jetzt einige Debeka-Fans - oder sollte ich "Vertrauensleute" sagen - abwiegeln, ist eigentlich schon der zweite Skandal. Wenn die Infos stimmen, dann wurden hier Dienstgeheimnisse (nämlich Personaldaten) gegen bares Geld verscherbelt. Junge Berufsanfänger wurden in der Folge überrumpelt. Wer gerade erst neu in seinem Beruf anfängt, kann gegenüber dem älteren Kollegen doch nicht nein sagen!
    Die Fachhändler (Makler, Mehrfachagenturen) bezahlen zwar mit ihren Steuern den Beamtenapparat, werden von genau diesem aber um Wettbewerbsgleichheit betrogen. Und man darf ja raten, ob die verkauften Personaldaten während der Arbeitszeit der Beamten oder während deren Freizeit abgegriffen wurden...
    Man kann nur hoffen, dass alle Beteiligten sich dafür sowohl strafrechtlich als auch disziplinarisch verantworten müssen.
    Und wenn unser Rechtsstaat wirklich funktioniert, dann müssen alle Versicherten, deren Verträge durch solche Straftaten zustande gekommen sind, diese rückwirkend zum Beginn auflösen können.

  • @shannon
    Sie kapieren nicht worum es geht.
    Wenn ich in meinem Unternehmen Daten die mir
    aus dienstlichen Gründen zugänglich sind, einer externen Organisation zu meinem Vorteil zugänglich mache - reicht das für zwei Kündigungen.
    Punkt aus und richtig so.
    Es ist auch egal um was für Daten es sich dabei handelt.
    Es spielt erstrecht keine Rolle
    ob die Debeka "ein gutes Preis-Leistungsverhältnis" hat uns sie (oder sollte ich sagen: Sie?) nur aus Ihrer Sicht sinnvolle Produkte verkaufen.
    Können Sie das nicht begreifen?

  • Wenn Beamte aus Personalstellen die ihnen dienstlich anvertrauten Daten gegen Bezahlung weitergeben, dann und nur dann wäre das vielleicht ein Skandälchen, zuerst aber mal ein Fall für behördeninterne Datenschützer und Staatsanwalt. Außerdem: ist überhaupt ein Schaden entstanden? Ich bin seit Jahrzehnten bei der Debeka versichert und zufrieden. Ist es ein Schaden, wenn man durch Tipgeber bei einem Versicherer landet, der in Tests regelmäßig unter den besten ist?
    Wenn die Medien einen echten Skandal suchen, warum gehen sie nicht nach Brüssel, wo Lobbyisten ein Regime steuern, das uns weit mehr echten Schaden zufügt als ein grenzwertiges Tipgebersystem. In Berlin ist es nicht besser. Also warum im kleinen prügeln, was man im großen zuläßt?

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