Debatte um Nachverhandlung des Lohnabschlusses
Kannegiesser wirbt für betriebsnahe Tarifpolitik

Die IG Metall in Baden-Württemberg will mit dem Arbeitgeberverband Südwestmetall über die ab März 2005 vorgesehene Lohnerhöhung von 2,7 Prozent reden – sie wird jedoch keiner Reduzierung zustimmen. Dazu gebe es angesichts der guten wirtschaftlichen Lage der Metallindustrie im Südwesten keinen wirtschaftlichen Anlass, sagte ihr Sprecher Frank Stroh dem Handelsblatt: „Es ist Weihnachten. Da dürfen sich auch die Arbeitgeber etwas wünschen. Aber nicht alle Wünsche gehen in Erfüllung“.

DÜSSELDORF. Stroh reagierte damit auf den Wunsch von Südwestmetall-Chef Otmar Zwiebelhofer, angesichts eingetrübter Konjunkturperspektiven mit der IG Metall über die Höhe der Lohnstufe zu reden. Der Tarifvertrag sieht eine Revisionsklausel vor. Zwiebelhofer hatte die von ihm gewünschten Gespräche zuvor als „ergebnisoffen“ bezeichnet.

Der im Februar 2004 in Pforzheim erzielte Metall-Pilotabschluss erlaubt betriebliche Abweichungen vom Tarifvertrag, wenn Gewerkschaft und Arbeitgeberverband zustimmen. Zwiebelhofer zog eine positive Bilanz der bisher 32 vereinbarten Abweichungen im Südwesten. Sie reichen von reduzierten Sonderzahlungen bis zu längeren Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich. Damit sollen Investitionen im Inland ermöglicht werden. Bundesweit gibt es nach Angaben von Vertrauensleuten der IG Metall 310 vereinbarte Abweichungen, der Arbeitgeberverband Gesamtmetall spricht nur von 88.

Das wissenschaftliche Institut der Gewerkschaften (WSI) hatte in seiner Tarifbilanz 2004 von einem Angriff der Arbeitgeber auf zentrale Tarifstandards und einem nachhaltig verstärkten Trend zur Verbetrieblichung der Tarifpolitik gesprochen. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser wertet die größere Betriebsnähe der Tarifpolitik angesichts der hohen Streubreite der Leistungskraft der Betriebe als unumkehrbaren Trend. Dem Handelsblatt sagte er: „Nach meiner Einschätzung wird es den Flächentarifvertrag künftig nicht mehr geben, wenn die Möglichkeiten von Ergänzungstarifverträgen nicht konstruktiv genutzt werden. Umgekehrt kann es Ergänzungstarifverträge nur unter dem Dach des Flächentarifs geben“.

In Pforzheim hätten die Metallpartner erstmals versucht, den Strukturwandel tarifpolitisch zu flankieren. „Wer mit seinen Belegschaften ein schlüssiges Gesamtkonzept vorlegt und den Zusammenhang zu Investitionen, Innovationen, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit herstellen kann, mit dem lassen sich tarifliche Standards anpassen, ohne dass diese im Grundsatz und auf Dauer ihre Gültigkeit verlieren“, sagte Kannegiesser.

Er plädierte dafür, künftig Konjunkturschwankungen – bei stabilen Lohntabellen – vorrangig durch flexible Einmalzahlungen abzubilden, gekoppelt an die wirtschaftliche Situation des einzelnen Betriebs. Der Tarifvertrag sollte Rückfallpositionen vorsehen, falls sich die Betriebsparteien über die Gestaltung derartiger Spielräume nicht selbst einigen. Es dürfe nicht jeweils eine zweite Tarifrunde im Betrieb geben. Sonst werde eine zentrale Motivation für den Flächentarif zerstört: Konflikte aus den Betrieben heraus zu halten.

Kannegiesser wies den Vorwurf zurück, die Arbeitgeber nutzten die Schwäche der Gewerkschaften aus. Wenn die Arbeitgeber im Bemühen um faire Anpassung der Tarifstandards an ein verändertes Umfeld weiter diffamiert würden, bleibe ihnen nur die Wahl, dies zusammen mit ihren Belegschaften zu versuchen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%