Debatte um Urlaubsverzicht
Reisebranche schäumt wegen Steinbrück

Das hat den Reiseanbietern und -vermittlern gerade noch gefehlt: Die Deutschen sind verunsichert genug, was ihre persönliche Zukunft anbelangt, und nun rät ihnen der Bundesfinanzminister auch noch, ausgerechnet bei ihrem Freizeitvergnügen Nummer Eins kürzer zu treten.

HB BERLIN. „Wir können die Aussagen des Finanzministers nur damit erklären, dass er urlaubsreif ist“, sagte der Geschäftsführer des Internet-Reisevermittlers lastminute.com, Michael Buller. Steinbrück vergesse die bedeutende wirtschaftliche Rolle der Branche. Alltours-Chef und -Alleininhaber Willi Verhuven betonte, Urlaub bedeute ein wichtiges Stück Lebensqualität und wirke sich positiv auf Gesundheit und Lebenserwartung aus.

Eine Sprecherin der Rewe-Baustein-Touristik sagte: „Die Regierung will ja die Lebensarbeitszeit verlängern, daher wäre eher ein Förderprogramm für mehr Urlaub angebracht, damit auch die älteren Arbeitnehmer noch im hohen Alter fit für den Arbeitsmarkt sein können.“ Zur Rewe-Baustein-Touristik gehören die Marken DerTour, ADAC Reisen, Meiers Weltreisen und DER Reisebüros.

Europas größter Reisekonzern Tui hofft, dass die Deutschen eher an anderer Stelle sparen, um fürs Alter besser vorsorgen zu können. Bislang seien Reisen das wichtigste Konsumgut der Deutschen gewesen, das werde auch so bleiben, sagte ein Sprecher des in Hannover ansässigen Unternehmens. Die Steuererhöhungen der Vergangenheit hätten gezeigt, dass die Deutschen nicht beim Urlaub gespart hätten. „Man ist eher bereit, auf den Kauf einer neuen Waschmaschine zu verzichten als auf Urlaub“, sagte der Tui-Sprecher.

Auch die Verbände der Tourismuswirtschaft zeigten sich angesäuert. Dirk Dunkelberg vom Deutschen Tourismusverband sagte: „Die Deutschen sparen schon längst in ihren Urlaubsorten. Wenn sie im Urlaub sind, geben sie weniger Geld aus als früher. Im Wirtschaftsministerium wird man die Idee von Herrn Steinbrück kaum teilen können. Der Tourismus ist einer der führenden Wirtschaftsfaktoren in Deutschland. Daraus resultieren Steuereinnahmen.“

Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW), Klaus Laepple, sagte: „Meinte die Bundesregierung die Verbraucher zum Konsumverzicht aufruft, sollte sie alle Sparmöglichkeiten auf Regierungsebene ausgeschöpft haben.“ Es gebe etwa noch erhebliches Einsparpotenzial beim Bürokratieabbau. Der Urlaub diene dem Erhalt der Arbeitskraft. Einen Verzicht auf Erholung anzuraten und zugleich die Rente mit 67 zu diskutieren, sei nicht nachvollziehbar. Der Tourismus sei eine der Wachstumsbranchen in Deutschland. Der gesamtwirtschaftliche Produktionswert habe sich 2005 auf mehr als 185 Milliarden Euro belaufen.

Der sozialpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, Heinrich Kolb, sagte: „Die Bürger verzichten lieber auf Steinbrücks Politik als auf Urlaub.“ Wenn Steinbrück nicht auf seine Politik der Steuer- und Abgabenerhöhungen verzichte, würden sich viele Menschen angesichts steigender Belastungen ohnehin bald keinen Urlaub mehr leisten können.

Steinbrück hatte der Programmzeitschrift „Hörzu“ gesagt, die Deutschen müssten sich zur Finanzierung ihrer sozialen Sicherung auf massive Einschränkungen im Freizeitkonsum einstellen. „Das heißt: Wir müssen im Zweifel auf eine Urlaubsreise verzichten, um für später vorzusorgen“, erläuterte Steinbrück.

Der SPD-Politiker begründete seinen Sparappell damit, dass in den nächsten Jahrzehnten auf die Menschen höhere Ausgaben für Alter, Gesundheit und Pflege zukämen. Welche Reaktion er mit seiner Aussage provozieren würde, war Steinbrück offenbar klar: „Wenn Sie so was verkünden, können Sie öffentlich ganz schön verhauen werden“, sagte er der Zeitschrift.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%