Demographie
Dem Osten droht der zweite Wendeschock

Deutschland steht eine düstere Zukunft bevor - wenn es nach den Bevölkerungsforschern geht. Wo schon jetzt kaum Kinder auf den Straßen zu sehen sind, werden Erwachsene und Alte einer aktuellen Studie zufolge künftig noch mehr unter sich sein. Der Rückgang der Bevölkerung beschleunige sich vor allem in Ostdeutschland - auch mangels Zuwanderung.

HB BERLIN. Statistisch gesehen bringt jede Frau nur noch 1,36 Kinder zur Welt, heißt es in der Untersuchung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Damit hat die Geburtenrate den Tiefstand des letzten Kriegsjahres 1945 erreicht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kamen vergangenes Jahr etwa 680 000 Kinder zur Welt. „Damit ist Deutschland Spitzenreiter im negativen Sinn“, sagte der Direktor des Berlin-Instituts, Reiner Klingholz. Bis 2050 werde die Zahl der in Deutschland geborenen Kinder schätzungsweise nur noch halb so groß sein wie heute.

Den Negativrekord hält Deutschland auch weiterhin bei der Kinderzahl. "Deutschland hat seit 33 Jahren weltweit die niedrigste Kinderzahl je 1000 Einwohner", erklärt das Institut. Unvermindert setze sich auch die Abwanderung der Menschen von Ost- nach Südwestdetschland an. Hier gebe es die verstärkte Tendenz, dass junge und gut ausgebildete Frauen in den Westen ziehen, sagte Klingholz. Zurück blieben arbeitslose und schlecht qualifizierte Männer, die als Familiengründer weitgehend ausfielen.

Im Osten ließe sich schon seit Jahren beobachten, was auf den Westen, und dort vor allem auf die Schrumpfzonen, zukommen wird. Schon jetzt haben sich fast überall in den neuen Bundesländern die Grundschülerzahlen gegenüber der Wendezeit halbiert, nahezu 2000 Schulen sind bereits dicht gemacht worden.

Spätestens im Jahr 2015 werde der Osten den „zweiten demographischen Wendeschock“ erleben, weil dann eine wegen des Geburtenrückgangs nach 1990 halb ausgefallene Generation als Eltern fehlen werde, prognostiziert die Studie. Nach der Wiedervereinigung war die Geburtenrate in den neuen Ländern auf durchschnittlich 0,77 Kinder pro Frau zurückgegangen. „Das war weltweit die niedrigste Geburtenrate mit Ausnahme des Vatikan“, sagte Klingholz.

Bevölkerungspyramide 1950 bis 2050

Selbst Kreise, in denen die Wirtschaftskraft deutlich wächst, können nach den Ergebnissen der Untersuchung davon demografisch kaum profitieren. Am schlimmsten treffe es Sachsen-Anhalt. Inseln der Stabilität fänden sich in den neuen Bundesländern aussschließlich im Umfeld wichtiger Großstädte. So erzielten die Umlandkreise von Berlin, Dresden und entlang der thüringischen Städtereihe Jena-Weimar-Erfurt-Eisenach günstige Bewertungen.

Allerdings: In der Prognose bis 2020 - berechnet vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung - setzt sich der Trend der Vergangenheit weiter fort: Der Osten entleert sich weiter, ebenso das Ruhrgebiet. Hinzu kommt, dass auch die Zuwanderung seit drei Jahren schwer zurückgeht. Laut Statsitischem Bundesamt lag das Wachstumsaldo - die Differenz zwischen Zuwanderung und Abwanderung - 2002 noch bei 219 000 Menschen und 2004 bei 82 000.

Die Wissenschaftler sprechen von einer sozialen Zeitbombe. Damit die Bevölkerung stabil bleibt, müsste der Schnitt jedoch bei 2,1 Kindern liegen. Auch beim Wirtschaftswachstum liegt Deutschland im europäischen Vergleich auf einem der hintersten Plätze. Und die OECD sagt voraus, dass die Wachstumsrate bei sinkender Geburtenrate in Deutschland in 20 Jahren nur knapp über null liegen wird. Wohlstand und Zukunftsangst bedingen einander, warnen die Experten. Denn wo keine Kinder geboren werden, da werden aus Kindern auch keine Arbeitskräfte, welche die Wirtschaft am Laufen halten.

Auch die Politik reagierte alarmiert auf die Studie. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte: „Die hohe Kinderlosigkeit ist alarmierend. Wir müssen alle umdenken.“ Jeder müsse sich fragen, was er besser machen kann, damit Kinder in einer modernen Welt willkommen sind. Kinder bedeuten für unser Land Lebensfreude, Kreativität, wirtschaftliches Wachstum und auch soziale Sicherheit.“

Nach Aussage der Vorsitzenden des Bundestags-Familienausschusses, Kerstin Griese (SPD), ist die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Kinder Hauptursache für die geringe Geburtenrate in Deutschland. In Europa sei die Geburtenrate dort am höchsten, „wo die Frauenerwerbsquote hoch und die Kinderbetreuung gut geregelt ist“, erklärte Griese.

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