Demographieforscher
Rabenmutter-Vorwurf vermiest Frauen das Kinderkriegen

Elterngeld, Steuererleichterungen, Ganztagsbetreuung: Seitdem die geringe Gebärfreudigkeit deutscher Frauen in den Blick der Öffentlichkeit gerückt ist, überschlagen sich Politiker mit Ideen zur Familienförderung. Die Hoffnung: Mehr finanzielle Unterstützung plus bessere Ganztagsbetreuung ergibt steigende Geburtenraten. Doch die Rechnung wird nicht aufgehen, sagen Demographieforscher.

HB FRANKFURT. „Der Kindermangel ist nicht nur ein materielles oder logistisches, es ist ein soziokulturelles Problem“, sagt Christian Schmitt vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Es gibt Studien, die nur einen begrenzten Zusammenhang zwischen regionalen Angeboten zur Kinderbetreuung und der Geburtenrate feststellen konnten“, so der Demographieforscher, der die Gründe für die zunehmende Kinderlosigkeit in Deutschland untersucht. „Andere Studien bezweifeln wiederum, dass monetäre Zuwendungen überhaupt einen quantifizierbaren Einfluss auf die Gebärfreudigkeit potenzieller Eltern haben.“

Die im Moment diskutierten Fördermaßnahmen hält Schmitt zwar für einen Schritt in die richtige Richtung. Sie alleine genügten jedoch nicht, um langfristig einen Anstieg der Geburtenrate in Deutschland zu bewirken. „Es reicht nicht, wenn wir nur die Betreuungsangebote verbessern, aber die kulturellen Faktoren nicht stimmen“, betont Schmitt. Solange sich berufstätige Frauen, die ihre Kinder ganztägig betreuen lassen, als Rabenmütter fühlten, bleibe auch die Wirkung finanzieller Erleichterungen begrenzt. „Nur wenn das Bild insgesamt passt, hat das einen Effekt.“

Gleichzeitig hätten politische Maßnahmen in der Vergangenheit den traditionellen Graben zwischen Kindererziehung und Berufstätigkeit eher noch vertieft, sagt der Wissenschaftler. Als Beispiel nennt er das bislang für zwei Jahre gezahlte Erziehungsgeld, das Eltern während der bis zu dreijährigen Elternzeit in Anspruch nehmen können.

Das jetzt beschlossene Elterngeld, das auf maximal 14 Monate begrenzt ist und das Erziehungsgeld ersetzen soll, ist für Schmitt deshalb ein wichtiger Schritt: Einerseits verringert es die Dauer der vom Staat bezahlten Berufspause pro Elternteil auf höchstens zwölf Monate. Andererseits verpflichtet es auch Väter zu einem mindestens zweimonatigen Elternzeit, wenn die Familie das volle Elterngeld beziehen will.

„So könnten sich die traditionellen Rollenmuster langsam ändern“, sagt Schmitt. Die Kopplung des Elterngeldes an die Höhe des bisherigen Einkommens schaffe zudem einen Anreiz für Frauen, vor der Schwangerschaft auch selbst Karriere zu machen: Ihr beruflicher Erfolg zahlt sich später für die ganze Familie aus.

Seite 1:

Rabenmutter-Vorwurf vermiest Frauen das Kinderkriegen

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%