Demographische Entwicklung
„Deutschland wird als Wirtschaftsmacht deutlich zurückfallen“

Nach aktuellen Berechnung des Statischen Bundesamtes werden im Jahr 2060 hierzulande bis zu 34 Prozent weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter leben als derzeit. Experte Axel Börsch-Supan sieht Deutschland angesichts dieses Wandels als Wirtschaftsmacht deutlich zurückfallen. Er kritisiert „perverse Umverteilungseffekte“ und erklärt, mit welchen Schlüsselmechanismen sich die demographische Bedrohung abwehren lässt.
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Herr Börsch-Supan, das Statistische Bundesamtes hat heute eine Schätzung darüber abgeben, wie stark die Bevölkerung in Deutschland bis 2060 zurückgehen wird:… Was bedeuten diese Zahlen für den Arbeitsmarkt?

Deutschland wird als Wirtschaftsmacht deutlich zurückfallen, besonders im Vergleich zu den Aufsteigern China und Indien. Doch auch etablierte Industrieländer wie die Großbritannien und Frankreich werden uns in der Zukunft überholen. Hier fallen nicht nur die Geburtenraten etwas höher aus. Die Staaten sind auch besser darin, qualifizierte Zuwanderer anzulocken. Hierzulande bedeuten weniger Arbeitskräfte weniger Lohn- und Einkommenssteuerzahler, vor allem aber weniger Beitragszahler in die Sozialkassen.

Ab wann werden die Folgen des demographischen Wandels drastisch spürbar werden?

Sie sind schon jetzt augenfällig: Trotz vieler Bemühungen in der Familienpolitik verharrt die Geburtenrate seit mehreren Jahrzehnten bei weniger als 1,4 Kindern pro Frau. Zugleich steigt die Lebenserwartung Jahr für Jahr ungebrochen: in einer Dekade um etwa drei Jahre. In etwa zehn Jahren erwartet uns dann ein historisch einmaliger Übergang: Die Babyboom-Generation beginnt in den Ruhestand zu ziehen. Das wird den Arbeitsmarkt, der zu dieser Zeit längst von der Pillenknick-Generation dominiert wird, vor ein seit den 70er Jahren unbekanntes Phänomen stellen: einem Mangel an Arbeitskräften.

Was heißt das konkret?

Weniger Jüngere - mehrheitlich Produzenten - und gleichzeitig mehr Ältere - fast ausschließlich Konsumenten - bedeuten automatisch eine Bedrohung des Lebensstandards. Warum? Der Arbeitseinsatz ist der wichtigste Faktor für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen und damit für die Einkommenserzielung und den Lebens- und Sozialstandard.

Welche strukturellen Änderungen des Arbeitsmarktes macht das erforderlich?

Es gibt zwei Schlüsselmechanismen für eine Abwehr der demographischen Bedrohung: der Umfang der Erwerbstätigkeit und das Niveau der Arbeitsproduktivität. Je höher der Anteil der Menschen ist, die in einem Land arbeiten, desto größer ist der Topf, aus dem Nettolöhne, Steuern und Sozialabgaben finanziert werden können. Angesichts der Alterung brauchen wir also eine Erhöhung der Erwerbsquote und eine Steigerung der Produktivität.

In beiden Punkten steht Deutschland bislang nicht besonders gut da.

Richtig. Im internationalen Vergleich weist Deutschland eine niedrige Erwerbsbeteiligung von etwas über 65 Prozent auf. Besonders niedrig ist die Quote für Ältere über 55, für westdeutsche Frauen und für Junge unter 25 Jahren. Hier gibt es große unausgeschöpfte Reserven. Der Produktivitätszuwachs der deutschen Wirtschaft liegt im jahrzehntelangen Mittel bei etwa 1,5 Prozent – auch das kein besonders herausragender Wert.

Wie sähe ein besseres Szenario aus?

Erreicht Deutschland in den nächsten dreißig Jahren eine Erwerbsquote von 75 Prozent, würde der Lebensstandard nicht um 30 Prozent, sondern nur um elf Prozent sinken. Das hieße allerdings, dass das Berufseintrittsalter um zwei Jahre sinken, die Frauenerwerbsquote sich zu 90 Prozent an die der Männer angleichen und das mittlere Renteneintrittsalter um zwei Jahre von 62 auf 64 Jahre steigen müsste, bei einem gleichzeitigen Sinken der Arbeitslosigkeit auf 4,5 Prozent. Käme eine Erhöhung des Produktivitätszuwachses von 1,5 Prozent auf rund 1,8 Prozent pro Jahr hinzu, wären die Auswirkungen des demographischen Wandels auf unseren Lebensstandard vollständig kompensiert.

Was steht solchen Veränderungen im Wege?

Verfestigtes Anspruchsdenken! Ein Rentenalter von 65 Jahren wird hierzulande wie eine Naturkonstante, wie ein Fakt mit Ewigkeitscharakter gehandelt. In einer Gesellschaft, deren durchschnittliche Lebenserwartung ansteigt, ist das überhaupt nicht nachvollziehbar. Zumal die aktive Lebenserwartung, also die Zeit, bis zu der keinerlei gesundheitliche Einschränkungen eintreten, rasant steigt. Die Welt hat sich geändert.

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  • Vor 22 Jahren wusste ich noch nicht das ich Heute Mutter von 8 Kindern bin und Oma eines Enkels.
    Wer will da ne Prognose so weit in die Ferne machen???
    Alles Humbug!!!

  • Kein Wunder, wenn dei banken und GM mit Hilfe von Staat rechnen können, bei Familien mit Kinder wird die Staatshilfe dagegen mit perfekte Tricks abgelennt.
    Super, danke Kanzlerin und CDU.

  • ich bin skeptisch, dass sich das Problem tatsächlich wie beschrieben lösen ließe. Denn neben den rein rechnerischen Komponenten stellt sich auch die Frage, wie hoch wird die Abgabenlast der arbeitenden bürger steigen? Werden diejenigen, die Zeche zahlen sollen das auch tun? Oder werden sie sich notfalls durch Auswanderung oder Schwarzarbeit entziehen? Oder wird das schlicht über das Preisniveau geschehen?
    Es würde mich freuen darauf eine glaubwürdige Antwort zu erhalten.

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