Der Chef der Hilfsorganisation verteidigt seine Rettungsaktion vor der italienischen Küste
Cap Anamur in schweren Gewässern

Den Cap Anamur-Chef Elias Bierdel plagen keine Selbstzweifel, zumindest eine gute Stunde lang. Er sitzt vor der versammelten Berliner Presse und gefällt sich selbst.

HB BERLIN. „Sie sehen uns hier guter Dinge“, sagt Elias Bierdel wie auf Knopfdruck und spricht vom Stolz, bei einer Organisation wie Cap Anamur arbeiten zu dürfen – einer Organisation, deren Name so hell leuchtet, dass sie ihren Chef bisher überstrahlte.

Denn den 43-Jährigen Bierdel kannten bislang nur Interessierte. Die Mehrheit in Spenderdeutschland glaubte noch immer, Rupert Neudeck steuere die Cap Anamur. Das ist jetzt anders: Seitdem Bierdel tagelang im italienischen Knast saß und seitdem er bei Neudeck einen „bizarren Fall von senilem Zynismus“ diagnostizierte.

Den Vorwurf gegen die Lichtgestalt Neudeck nimmt Bierdel zwar zurück: Doch tut er dies erst auf Nachfrage und nach einem Bekenntnis zur Neudeckschen Lebensleistung, das wie ein Abgesang auf den Alten klingt. Bierdel will aus dem Schatten des Übervaters treten, der einst so begann, wie der 43-Jährige: als rettender Engel von Schiffbrüchigen. Neudeck tat dies mit den vietnamesischen „boat people“ in den 70er Jahren im chinesischen Meer, Bierdel heute in den Gewässern des Mittelmeeres vor italienischen Ufern. Nur: Neudeck flogen für seine Aktion die Herzen zu. Bierdel dagegen muss sich fragen lassen, wie sehr sein Handeln inszeniert war.

Immerhin ist der Ex-Journalist ehrlich, seine Aktion nicht nur als Erfolg zu verkaufen. Wie könnte er auch: Haft und Verfahren gegen ihn, seinen Kapitän Stefan Schmidt und den Ersten Offizier, das Schiff beschlagnahmt im sizilianischen Hafen von Porto Empedocle, die Zukunft der 37 Flüchtlinge ungewiss. Dass diese Schiffbrüchigen, die aus einem Schlauchboot aufgenommen wurden, noch nicht abgeschoben sind, wertet der ehemalige Hörfunkreporter als Sieg. Auch, dass er auf die täglichen Dramen im Mittelmeer aufmerksam gemacht hat, wo Dutzende von Nussschalen mit flüchtenden Afrikanern einen sicheren Hafen suchen.

Doch dass Bierdel mit seiner Rettungsaktion das Projekt Cap Anamur auch wirtschaftlich in schweres Gewässer gelenkt hat – darüber spricht er nicht. Teuer wurde das Schiff Ende 2003 gekauft – und mit Neudeck Prinzip größtmöglicher Flexibilität – „Nie kaufen, nur chartern“ – gebrochen. Teuer musste sogleich der Antrieb der Cap Anamur überholt werden. Und ganz schlimm könnte es kommen, sollten die italienischen Behörden das Schiff gar verschrotten – was sie mit Schlepperbooten gerne tun.

Das Komitee Cap Anamur könnte dann nur noch auf Spender hoffen. Die reagieren nicht nur sensibel auf bestimmte Vorwürfe wie etwa Misswirtschaft und Bereicherung. Vor allem spalten umstrittene Aktionen auch die Spendergemeinde, wie etwa die Besetzung der Bohrinsel Brent Spar durch Greenpeace 1995. „Manche spenden dann extra mehr, andere hören völlig auf“, sagt Dagmar Oldenburg von der Umweltschutzorganisation Robin Wood. „In jedem Fall wird dadurch polarisiert.“

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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