Der Fall Thilo Sarrazin: Schicksalstage für den Bundesbank-Chef

Der Fall Thilo Sarrazin
Schicksalstage für den Bundesbank-Chef

Bundesbank-Präsident Axel Weber will Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin loswerden – besitzt aber in seinem Gremium dafür offenbar keine Mehrheit. International steht er damit als führungsschwach da. Seine Chancen auf den Chefsessel der Europäischen Zentralbank schwinden.
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FRANKFURT. Alles sollte nach Tatkraft aussehen: Die Bundesbank werde „zeitnah“ über den Verbleib ihres quertreibenden Vorstandsmitglieds Thilo Sarrazin entscheiden, hatte Präsident Axel Weber am Montag verkünden lassen.

Am Dienstag wurde der Delinquent angehört. Der Vorstand hatte auch am Mittwoch stundenlang getagt. Ergebnis: keines. „Vor Donnerstag ist nicht mit Ergebnissen zu rechnen“, sagte eine Sprecherin. Thilo Sarrazin wird vorgeworfen, mit provokanten, gegen Ausländer gerichteten Aussagen dem Ansehen der Bundesbank geschadet zu haben. Für Entsetzen sorgte der Satz, den er in einem Zeitungsinterview am 29. August sagte: „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.“

Die Bundeskanzlerin hatte Weber am Sonntag öffentlich aufgefordert zu handeln. „Ich bin sicher, dass sich der Bundesbankvorstand auch mit der Frage befassen wird“, hatte sie gesagt. Auch der Finanzminister ließ seine Erwartung durchblicken. Nach einem Gespräch mit Weber kritisierte Wolfgang Schäuble Sarrazin heftig und fügte hinzu: „„Ich warte jetzt mal ab, was die Bundesbank heute entscheidet.“

Weber würde ja gern, aber er kann nicht. Offenbar fand er bisher keine Mehrheit im Vorstand der Bundesbank, um den Antrag auf Absetzung beim Bundespräsidenten zu stellen. Das Gremium, das per Satzung unabhängig ist, will sich nicht von der Politik vorschreiben lassen, wie es mit einem der Ihren umgeht. „Die Bundesbank ist bei der Ausübung ihrer Befugnisse von Weisungen der Bundesregierung unabhängig“, heißt es im Bundesbankgesetz. Um einen Kollegen aus dem Gremium zu drängen, bedarf es eines Mehrheitsbeschlusses.

Für den Bundesbankpräsidenten, der im November 2011 Nachfolger von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet werden will, entwickelt sich der Fall Sarrazin zum Desaster. International erwartet man von ihm, dass er sein Gremium hinter sich versammelt und Tatkraft zeigt. Auch nur der Verdacht, hier würde mit dem Noch-Vorstandskollegen Sarrazin sympathisiert oder auch nur kooperiert, schadet Webers Ambitionen.

Das „Wall Street Journal“ nahm die Affäre Sarrazin gestern zum Anlass, fast genüsslich Fehltritte und Misserfolge des Kandidaten Weber aufzuzählen. Davon gibt es einige, auch solche, die dem „Journal“ verborgen blieben. So hatte Weber im Oktober 2009 schon einmal versucht, Sarrazin aus dem Vorstand zu drängen.

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  • @ Adelheid Schäfer

    Liebe Frau Schäfer,

    seit langem lese ich die Leserkomentare im Handelsblatt, auch schon vor dem "Fall Sarrazin". Eins ist ganz deutlich: Die Resonanz ist gewaltig und im Großen und Ganzen auch eindeutig, wie sonst nie. bisher haben ich, wie Sie auch, unsere bundeskanzlerin in ihren politschen Wirken unterstützt und geachtet. Aber ich glaube, daß sie hier einen Vertrauensbruch begangen hat, der viele Menschen in unserem Land ins Mark getroffen hat.

    Politik leben von denen, die sich beteiligen, in unserem Land haben zu viele jahrelang sich viel zu viele eben nicht beteiligt und damit denen freie Hand gegeben, die uns dahin "geführt" haben, wo wir jetzt sind: in ein staatliches Konstrukt der Verwerflichkeiten.

    Neue Politik entsteht nur, wenn neue Persönlichkeiten in die Plitik eintreten wollen und sich entsprechend organisieren, neue ideen entwickeln und auf andere zugehen, ihre Stimme erheben und unbequem für die Mächtigen sind und bleiben.

    Wir haben viele persönliche Möglichkeiten zu protestieren:

    Wie wäre es, wenn wir der Frau bundeskanzlerin einen Handbesen schicken, damit sie auch zukünftig genug geeignete instrumente hast, um die Dinge besser "unter den Teppich kehren" zu können (an Gelegenheiten wird es ja vermutlich nicht fehlen)? Teilen wir als z. b. CDU-Wähler mit, daß wir das nächste Mal zur Strafe NPD wählen, nicht weil wir Nazis sind, sondern, weil die praktischen und realen Profile und Verhaltensweisen der anderen politisch wirksamen Parteien uns inzwischen nur noch auf die Nerven gehen und wir uns von ihnen nicht mehr repräsentiert fühlen, wir können ja leider keine "Gegenstimme gegen das System" abgeben! Ein schlimmeres Chaos, als Westerwelle, Seehofer und Co. kann auch die NPD nicht anrichten, da kann ich Sie beruhigen, der Verfassungschutz sitzt ja mit am Tisch und im Zweifelsfall gibts es ja noch die hohen Gerichte in unserem Landen.

    Mut, Kreativität, kein Ruhe geben!

    Machen Sie weiter mit!

    Wir sind das Volk und wir verlangen, daß Politik in unserem Sinn und nach unseren Vorstellungen gemacht wird, ohne bevormundung, besserwisserei, übeheblicher Erhabenheiten und ohne falsches schlechtes Gewissen.

    Herzliche Grüße

    Zeitzeuge

    P. S.: Wenn Sie in Hb die Artikel zum Thema genau lesen, merken Sie sicher auch seit zwei Tagen einen gewissen Umschwung in der Wortwahl und in der Tendenz der journalistischen Ergüsse: Man/frau schriebt wieder mehr informationsbetont, bemüht sich formal um schlichte berichterstattung, anstatt draufzuhauen: Sehen Sie, Gegenwind wirkt!

    Grüße an alle Mitstreiter.

  • beugt sich die bundesbank und mit ihr Axel Weber dem politischen Druck, dann spricht sie gleichzeitig ihr eigens Todesurteil.

    Hat Hr. Sarrazins nicht doch in weiten Teilen seines buches recht?

    Gilt die Meinungsfreiheit in unserem Lande nichts mehr?

    Solidarität mit Hr. Sarrazin.

  • ...so siehts aus. es geht um bessere und "mächtigere" posten. ausschließlich für den eigenen lebenslauf, nicht etwa zum wohle des volkes. alles in allen leider malwieder ein beweis dafür das wir lediglich in einer scheindemokratie leben. "andere" haben die hosen an,und diktieren das deutsche "urvolk" was falsch und richtig ist.

    @Adelheid Schaefer :
    schön das sie sich trauen mal ihre meinung laut zu sagen. machen sie es noch lauter und gehen sie wählen. natürlich nicht die derzeitigen "großen 5"
    tippen sie mal (pdv) in ihre suchmaschine. das könnte eine gute partei werden. super währe natürlich auch wenn der h.sarrazin eine partei gründet und alle anderen volkzertreter wegfegt. einschließlich den brüsseler wasserkopf.

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