Es war der damalige Lufthansa-Chef Jürgen Weber, der im Herbst 1997 die Ausbaudiskussion anstieß. Weber forderte den Bau einer zusätzlichen Landebahn, um die immer deutlicher zu Tage tretenden Engpässe in Frankfurt zu beseitigen. Die Reaktion der hessischen Landespolitik war zunächst mehr als zurückhaltend. Zu frisch waren noch die Erinnerungen an die jahrelangen, gewaltsamen Proteste gegen den Bau der Startbahn West Anfang der 80er-Jahre. Um Ähnliches zu vermeiden, startete der damalige hessische Ministerpräsident Hans Eichel (SPD) 1998 ein so genanntes Mediationsverfahren, mit dessen Hilfe ein Ausgleich zwischen den Bedürfnissen der Wirtschaft und der von Fluglärm geplagten Bevölkerung gelingen sollte.
Die Mediatoren empfahlen damals für den Fall des Ausbaus umfassende Lärmschutzmaßnahmen. Insbesondere sollte ein absolutes Nachtflugverbot verhängt werden. Koch, der Anfang 1999 Eichel ablöste, machte sich ein Jahr später dieses Ziel zu eigen: „Deshalb wird es zwischen 23.00 und 05.00 Uhr keine geplanten Flüge mehr geben können." Es werde keinen Ausbau ohne Nachtflugverbot geben.
Die Luftverkehrsgesellschaften liefen Sturm gegen den nächtlichen Flugstopp. Nach den Berechnungen der Barig hängen am Nachtflugverkehr in Frankfurt rund 7 000 Arbeitsplätze. Einem Unternehmen wie Lufthansa Cargo drohe die Pleite, wenn ihre Maschinen nachts am Boden bleiben müssten. Im vergangenen September appellierten führende Wirtschaftsverbände, darunter BDI und DIHK, an die Landesregierung, auf das Flugverbot zu verzichten: „Für den Flughafen Frankfurt ist ein Kompromiss notwendig, der einen Basisbestand an Nachtflügen auch künftig ermöglicht."
Koch trat den Rückzug an. Um vor den Gerichten Bestand haben zu können, müsse das Nachtflugverbot auch Ausnahmen zulassen, argumentiert er inzwischen. Solche Ausnahmen müssten aber eng begrenzt bleiben auf Flüge, die volkswirtschaftlich nötig seien. Die Lufthansa hat bereits einen Bedarf von bis zu 41 Nachtflügen angemeldet – alle neun Minuten ein Flug.
Die dem Ausbau kritisch gegenüber stehenden Bürgerinitiativen, Naturschutzverbände und Kommunen haben auf die jüngste Entwicklung mit Entsetzen reagiert. „Das mit der Mediation gegebene Versprechen wird auf ganzer Linie gebrochen", erklärt die Landesvorsitzende der Umweltschutzorganisation BUND, Brigitte Martin. Dass es nun um den Bau der neuen Landebahn doch gewalttätige Auseinandersetzungen geben wird, ist dennoch wenig wahrscheinlich. Die Protestkultur rund um den Flughafen ist über die Jahre hinweg erlahmt, die Szene zersplittert. Zu einer Demonstration für das Nachtflugverbot kamen Anfang Dezember statt der erwarteten 5 000 nur knapp 2 000 Menschen nach Wiesbaden.


