0 Bewertungen
20.12.2007 
Streitgespräch

„Der große Sprung bei Pisa kommt 2012“

Der Chef der Kultuminister, Jürgen Zöllner, und der Präsident des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, debattieren über mehr Bildung, Ganztagsschulen und das Ergebnis der Pisa-Studie.

Handelsblatt:

Bei Pisa stagnieren wir in Mathe, und beim Lesen liegen wir nach kleinen Fortschritten nur im Mittelfeld. Können wir uns dieses langsame Tempo leisten?

Zöllner: Wir sollten das Gute nicht ignorieren: In den Naturwissenschaften sind wir besser geworden. Das ist insgesamt kein Grund zum Jubeln, aber Anlass zur Zuversicht. Die riesigen Reformanstrengungen des gesamten Systems können sich noch gar nicht bei den 15-Jährigen niederschlagen, die Pisa testet, weil der Schwung primär in Grundschule und Vorschule angesetzt hat. Das zeigt der Grundschul-Lesetest Iglu, wo wir besser geworden sind und jetzt in der Spitzengruppe liegen.

Hüther: Die Richtung stimmt, aber das Tempo ist nicht hoch genug. Die Länder haben seit der Föderalismusreform die komplette Zuständigkeit für die Bildung – ich habe nicht den Eindruck, dass das das Tempo erhöht. Ein Grund ist, dass wir die empirische Bildungsforschung haben brachliegen lassen, bis die Länder jetzt mit dem Bund ein neues Programm aufgelegt haben.

Zöllner: Ich gebe Ihnen in Details recht, Ihrer Grundaussage widerspreche ich völlig: Die Veränderungen im Bildungssystem sind so stark wie in keinem anderen gesellschaftlichen System. Und in aller Bescheidenheit: Weder die Medien noch die Wirtschaft haben die Bildung zum zentralen Thema für die Zukunftsfähigkeit gemacht, sondern Pisa. Und das verantworten die Kultusminister. Ich selbst habe damals beantragt, dass wir bei Pisa mitmachen, wohlwissend, dass der internationale Vergleich uns zeigen wird, dass wir einige Zeit verpasst haben. Zur Bildungsforschung stimme ich Ihnen völlig zu. Aber bei den entscheidenden Weichenstellungen haben wir kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsdefizit – beim Ausbau der Vorschule, bei den nötigen integrativen Ansätzen etc. Wir können nicht zufrieden sein, aber was bislang zu erreichen war, haben wir erreicht.

Wann machen wir bei Pisa den großen Sprung: 2009, 2012?

Zöllner: Realistischerweise erst 2012. Erinnern Sie sich: Noch Ende der 90er hatten wir einen Konsens, dass die Grundschule Spielschule sein sollte. Und heute? Heute wollen wir Bildung im Kindergarten und in den Schulen mehr Unterricht. Ich selbst habe in Rheinland-Pfalz Mitte der 90er-Jahre die volle Halbtagsgrundschule eingeführt, und das Bildungsbürgertum hat mir vorgeworden, ich nähme ihnen ihre Kinder weg. Heute ist der unbestrittene Ansatz die Ganztagsschule.

Hüther: Aber wir können doch nicht nur warten, dass Reformen von unten her wirken. Wir müssen mehr investieren in die Problemjahrgänge, die schon im System sind. Verschlimmert wird deren Lage noch dadurch, dass Länder wie Bayern, Hessen und NRW die richtige Umstellung auf das achtjährige Gymnasium so stümperhaft organisieren, dass die heute 11-, 12-Jährigen von den Reformen nicht profitieren. Kein Unternehmen wagt Umstellungen ohne Investitionen, aber der Umbau auf „G8“ soll aus der Portokasse bezahlt werden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: „Die Ganztagsschule wird zum Normalfall für alle Schularten"

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige
Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Hart umkämpfte Wahlkreise...

    Hart umkämpfte Wahlkreise für die SPD

    Die SPD wird bei der Bundestagswahl 2009 etliche Direktmandate verlieren. Betroffen davon sind vor allem Wirtschaftspolitiker und Konservative der Bundestagsfraktion. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Lüthke Politikberatung für das Handelsblatt.Bildergalerie 

  • Becksteins mögliche Erben...

    Becksteins mögliche Erben in Bayern

    Nach dem Wahl-Debakel und nur zwölf Monaten Amtszeit gibt sich Ministerpräsident Günther Beckstein geschlagen. Die Parteikollegen trauerten nicht lang. Bereits am Dienstagnachmittag stellten sich drei Amtsanwärter zur Verfügung. Und mit Horst Seehofer hält sich auch ei...Bildergalerie 

  • Das politische Stehaufmän...

    Das politische Stehaufmännchen

    Im vergangenen Jahr war Horst Seehofer noch Erwin Huber bei der Wahl zum Parteivorsitzenden unterlegen, nun scheint der designierte neue Parteichef endlich am Ziel. Er wolle die CSU „in ihrem Mythos, in ihrer Einmaligkeit, in ihrer Erfolgsgeschichte“ der vergangenen fü...Bildergalerie 

  • Gift für die Weltwirtscha...

    Gift für die Weltwirtschaft

    Rund um den Globus nehmen die Schreckensnachrichten zu. Ihr Tenor: Die Turbulenzen der vergangenen Wochen haben die Risiken für die Weltwirtschaft deutlich erhöht, die Wachstumsraten der vergangenen Jahre werden sich so schnell nicht wiederholen lassen. Welche Risiken ...Bildergalerie 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Die Industrie erhalten  Artikel in Merkliste

06.10.2008 von Klaus Stratmann

Die Finanzkrise zeigt, wie wichtig die klassische Industrie für die deutsche Wirtschaft ist. Entsprechend umsichtig sollte sie beim Emissionshandel berücksichtigt werden. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

HRE: Offenbarungseid für die Branche  Artikel in Merkliste

03.10.2008 von Axel Höpner

Grund zum Jubeln gibt es wahrlich nicht. Nur widerwillig wollte sich manch Marktteilnehmer an dem Rettungspaket für die angeschlagene Hypo Real Estate beteiligen. Im Grunde ist die Aktion ein Offenbarungseid für die Branche. Kommentar