0 Bewertungen
04.10.2007 
Joschka Fischers Autobiographie

Der Kellner gibt dem Koch Kontra

von Andreas Rinke

Ein Jahr war der frühere Außenminister Joschka Fischer in den USA gewesen und hatte vor Studenten in Princeton Vorlesungen über seine Sicht der Welt gehalten. Jetzt stellte er den ersten Teil seiner Autobiographie über seine Zeit an der rot-grünen Regierung vor. Und nur auf einen damaligen Kollegen lässt er darin wenig kommen.

Lupe

BERLIN. Zwei Jahre regiert nun schon die Große Koalition in Berlin. Bei vielen Politikern reicht dieser Abstand zur Macht, um das Interesse der Medien an der eigenen Person erlahmen zu lassen. Doch als Joschka Fischer sich im Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften den Fragen zu seinem neuen Buch stellt, ist dieser rappelvoll.

Das hat mit Fischer selbst zu tun, der den Diplomaten-Schick früherer Jahre gegen ein offenes Hemd eingetaucht hat. Das hat ein wenig mit dem ersten Teil seiner Erinnerungen an die rot-grünen Jahre zu tun, sehr viel aber auch mit den derzeitigen Debatten bei den Grünen und in der SPD. Denn Fischer weiß: Die einstigen Koalitionspartner sind gerade dabei, das rot-grüne Erbe in der Arbeitsmarkt- und Außenpolitik zerpflücken. Da wollen viele wissen, was die Altmeister sagen. Auch Gerhard Schröder kämpft schließlich in der SPD um sein Agenda-Erbe. „Dabei zeigt sich doch jetzt, dass die Große Koalition außenpolitisch letztlich nur in den Gleisen fährt, die wir damals gelegt haben“, glaubt Fischer.

Nein, nein, das 433-seitige Buch mit den detaillierten Beschreibungen, wie bei den Grünen und in der Regierung damals etwa die Entscheidung für den Kosovo-Krieg fiel, sei nicht als Abrechnung gemeint. „Ich kehre auch nicht in die deutsche Politik zurück“, betont Fischer gleich mehrfach. Er weiß, das wird ihm stets unterstellt, solange er zur Tagespolitik Stellung bezieht und solange sich bei den Grünen keine neue überragende Führungsfigur herausgeschält hat. „Aber ich bin eben auch nicht in den Trappistenorden eingetreten“, meint der Katholik Fischer. Da er kein Schweigegelübde abgelegt habe, werde er seine Meinung schreiben und sagen. Das tat er kräftig in letzter Zeit, auch weil dies für sein Buch mit einer Startauflage von 150 000 Exemplaren förderlich ist.

Mal warnt er seine Grünen vor einem Linksruck, mal verteidigt er den Afghanistan-Einsatz, die Rente mit 67, mal befürwortet er aber auch Änderungen an der Agenda 2010. Sogar Selbstkritik mischt sich neuerdings in seine Erläuterungen. „Die Erhöhung des Benzinpreises auf fünf Mark auf dem Mannheimer Parteitag, das war auch mein Fehler“, räumt er ein.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Was Fischer über Gerhard Schröder schreibt

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige
Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Obamas Kabinett nimmt Gestalt an

    Obamas Kabinett nimmt Gestalt an

    Die Milliardärin Penny Pritzker aus Chicago soll nach US-Medienberichten Wirtschaftsministerin in der Regierung des designierten Präsidenten Barack Obama werden. Mit dieser Personalie nimmt die Regierungsmannschaft zwei Wochen nach der US-Wahl allmählich Gestalt an.Bildergalerie 

  • Was auf dem Weltfinanzgipfel beschlos...

    Was auf dem Weltfinanzgipfel beschlossen wurde

    Auf dem Weltfinanzgipfel in Washington wollten die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) einen Fahrplan für eine neue Weltfinanzordnung vereinbaren, die eine Finanzkrise, die die ganze Welt in die Rezession treibt, in Zukunft verhindern soll. Was beschlossen...Bildergalerie 

  • Was führende Köpfe vom Finanzgipfel e...

    Was führende Köpfe vom Finanzgipfel erwarten

    Nichts Geringeres als eine neue Weltfinanzordnung wollen die 20 Staats- und Regierungschefs der größten Wirtschaftsmächte am Wochenende in Washington aus der Taufe heben. Was Politiker, Konzernchefs, Ökonomen und andere führende Köpfe aus der Finanzwelt vom Weltfinanzg...Bildergalerie 

vor

 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Kein Ausweg aus der Finanzkrise in Sicht  Artikel in Merkliste

21.11.2008 von Hermann-Josef Knipper

Der letzte Tag der „Euro Finance Week“ in Frankfurt hat das ganze Drama der Macht- und Ratlosigkeit der Finanzbranche deutlich gemacht. Nach der harschen Kritik von Bundespräsident Horst Köhler, der nicht weniger als ein neues Weltfinanzsystem gefordert und viele Schuldige benannt hatte, mühten sich Banker, Ökonomen und Notenbanker um Auswege aus der Krise. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Deutscher Bauernstaat  Artikel in Merkliste

21.11.2008 von Helmut Hauschild

Die Bundesregierung tut sich mit ihrer Agrarpolitik als Industriestaat keinen Gefallen. Kommentar