Der Maharadscha
Oettinger wirbt ein letztes Mal fürs „Ländle“

Nach Brüssel wurde er weggelobt, doch in diesen Tagen darf er ein letztes Mal für seine baden-württembergische Heimat werben: Günther Oettinger bereist mit einer Wirtschaftsdelegation Indien. Doch es scheint so, als wäre der Stuttgarter mit seinen Gedanken schon ganz bei seinem neuen Job in der EU-Kommission.
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BANGALORE. Manfred Dürnholz lockert die Stimmung gern mit lustigen Anekdoten auf. Bei dieser aber, sagt der Manager von Bosch Indien, hätte er sich normalerweise nicht getraut. Doch jetzt, da Günther Oettinger als EU-Kommissar nach Brüssel geht, wähnt Dürnholz die Brisanz gebannt. Also erzählt er, wie sie bei Bosch in Bangalore vor dem Besuch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier vergangenes Jahr beraten hätten, welche „Message“ man ihm auf den Weg mitgibt. Und dass bei Oettinger die gleiche Frage aufgekommen sei. Worauf Dürnholz’ indischer Assistent geraten habe: „Sagt ihm doch, wer uns besucht, der wird nicht wiedergewählt“.

Oettinger lacht tatsächlich. Die Presse ist schließlich da. Aber er kann die Geschichte eigentlich nicht komisch finden nach all dem, was in den letzten Wochen Unfreundliches über seinen Wechsel nach Brüssel geschrieben worden ist.

Indien ist seine letzte Auslandsreise als Ministerpräsident. Am Freitag, wenn er nach Stuttgart zurückkehrt, gibt er zudem auf dem Landesparteitag der CDU Baden-Württemberg den Parteivorsitz ab. Es ist ein Abschied vom „Ländle“, den sich der 56-Jährige sicher anders vorgestellt hat. Und wohl auch nicht so schnell. Doch in der Landespartei war er zuletzt zunehmend umstritten. Als die Kanzlerin ihm den Job in Brüssel anbot, da schlug er ein, weil das der bestmögliche Ausstieg war. Aber mehr Gefühl als das Eingeständnis, ihm werde vielleicht ein wenig wehmütig zumute sein, wenn er am Freitag in Stuttgart von Bombay kommend aus dem Flieger aussteige, lässt sich der scheidende Landeschef nicht entlocken.

Das Thema EU-Kommissar ist tabu, obwohl es unterschwellig auch in Indien ständig präsent ist. So stieß Oettinger zu der von ihm angeführten 130-köpfigen Wirtschaftsdelegation aus Baden-Württemberg erst mit einem Tag Verspätung, weil er noch Gespräche in Brüssel führen musste. Abgeordnete und leitende Kommissionsbeamte habe er getroffen, sagt er einsilbig. Zum Antrittsbesuch bei Kommissionschef José Manuel Barroso war er schon gewesen.

Die Europaabgeordneten sind für Oettinger jetzt wichtiger als baden-württembergische Wirtschaftspolitik. Er braucht ihre Stimmen, um die Anhörung im EU-Parlament zu überstehen, die Teil des Berufungsverfahrens für die Kommissare ist. Die politischen Gespräche in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi sind da nur noch halbherzig absolviertes Pflichtprogramm.

Bei Sheila Dikshit, der mächtigen Ministerpräsidentin des Bundesstaats Delhi, überbrückt Oettinger die Zeit mit belanglosen Höflichkeiten. Er wolle sich „einfach mal“ als europäische Region melden, die großes Interesse an einer weiteren Vertiefung der Beziehungen mit Indien habe, redet er gegen die drohende Sprachlosigkeit an und stellt dann ausführlich seine Delegationsmitglieder vor. Dikshit, eine energische Dame von 69 Jahren in gelb-grünem Sari und mit silbernem Haar, sitzt an der Stirnseite des großen Konferenztisches und stützt den Kopf in die Hand. Indien brauche deutsche Hilfe beim Ausbau seiner maroden Infrastruktur, sagt sie, als Oettinger endlich fertig ist. Doch auch diese Steilvorlage nimmt der Noch-Ministerpräsident nicht an. Dabei gibt es genügend konkrete Projekte in Delhi, bei denen er für die Beteiligung schwäbischer Firmen werben könnte. Und auch das ein oder andere Problem deutscher Unternehmen mit der indischen Bürokratie ließe sich ansprechen, weil es am besten auf politischer Ebene gelöst werden kann.

Verschenkt. Oettinger scheint in Gedanken woanders zu sein. Am morgigen Donnerstag werden Europas Staats- und Regierungschefs auch über seine Zukunft entscheiden, wenn sie den neuen Ratspräsidenten und den EU-Außenminister bestimmen. Denn von dem Ergebnis hängt auch ab, welches Ressort mit welchen Kompetenzen der Wirtschaftsjurist in Brüssel bekommt. Dabei 7000 Kilometer weit weg in der Zuschauerrolle zu stecken kann ganz schön unbefriedigend sein.

Es ist ein zwölfjähriges Mädchen, dem es dann doch gelingt, Oettinger für kurze Zeit in Indiens buntes Leben zu entführen. Die Botschaft hat einen Fototermin am Gate of India eingeplant, dem wuchtigen Nationalmonument im Herzen der Stadt. Aus der Menschentraube, die sich um die Gruppe von Ministern, Beamten und dem Botschafter gebildet hat, drängt sie sich nach vorn. „Wie heißt du?“ fragt Oettinger und ob sie eine Schule besucht. Nein, sagt die Kleine im zerschlissenen Sari, sie arbeite. Male mit Henna Muster auf die Hände von Touristen. Und dann will sie von dem Besucher aus dem fremden Land wissen, ob er ein Maharadscha sei. „Ein kleiner“ entgegnet Oettinger. Zu Hause kämpft dieser Maharadscha gerade um sein neues Reich.

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