Der neue Bundespräsident: Glückwunsch, Deutschland!

Der neue Bundespräsident
Glückwunsch, Deutschland!

Joachim Gauck wurde von einer Allparteien-Koalition zum 11. Präsidenten der Bundesrepublik nominiert. Er wird dem Land unbequem und daher nützlich sein.

Der parteipolitische Taktiker ist schlecht beleumundet. Sein Charakter gilt als verschlagen. Nur in seltenen Fällen bringt dieser Experte fürs Intrigieren und Finassieren etwas Reines und Schönes zustande. Einer dieser seltenen Fälle ereignete sich gestern. Die Großmeister der Taktik verständigten sich auf einen Präsidenten, den - und das ist der ironische Clou der Geschichte - keiner von ihnen wirklich wollte. SPD und Grüne hatten den bürgerlichen Kirchenmann Joachim Gauck auf den Schild gehoben, vor allem um die konservative Kanzlerin zu blamieren. Die FDP schloss sich dem Begehr überraschend an. Man wollte mal wieder ein Lebenszeichen senden. Und die Kanzlerin? Redete im CDU-Präsidium gegen Gauck, um ihn dann doch zu nominieren. Sie diente ihren Interessen, indem sie die der anderen durchkreuzte. Als Parteiliese wollte sie nicht dastehen.

So haben sich die Listigen in einem turbulenten Finale gegenseitig überlistet - und Deutschland bekommt nach Roman Herzog und Richard von Weizsäcker wieder einen präsidialen Präsidenten geschenkt. Joachim Gauck ist der richtige Mann zur richtigen Zeit. Nicht das Amt wertet ihn auf. Diesmal ist es umgekehrt: Er wertet das Amt auf.

Gauck ist populär, aber ein Populist ist er nicht. Er legte sich mit der Anti-Bankenbewegung "Besetzt Wall Street" an, indem er sie an die verstaatlichte Volkswirtschaft der DDR erinnerte: "Ich habe in einem Land gelebt, in dem die Banken besetzt waren." Und auch die ostdeutschen Landsleute, die nach der Wende romantische und damit unerfüllbare Erwartungen an das neue Deutschland hegten, wies er ironisch in die Schranken: "Sie hatten vom Paradies geträumt und wachten auf in Nordrhein-Westfalen." Die Marktwirtschaft nennt er "ein lernendes System mit Vorbildcharakter". Das hat man in Deutschland lange nicht mehr gehört. Das Verwirrendste an diesem Mann ist, dass er ein Thema mitbringt: Freiheit.

Sie ist der bunte Faden seines Lebens. Für sie stritt er im bleiernen SED-Staat, für sie wirbt er auch im wiedervereinigten Deutschland, weil er ja sieht und hört und spürt, dass die Freiheit in einem freiheitlichen Staat ebenfalls bedroht sein kann - durch Parteien, die sich nicht als Diener des Volkes, sondern als dessen Vormund begreifen, durch Gleichgültigkeit, die sich als Toleranz tarnt, durch eine Politik der Besitzstandswahrung, die das, was sie zu bewahren vorgibt, im Begriffe ist zu verspielen. Es gebe Menschen, heißt es in seinem neuen Buch, die hätten eine geheime Verfassung im Kopf, deren erster Artikel laute: "Die Besitzstandswahrung ist unantastbar."

Damit dieser unabhängige Mann ein großer Präsident wird, muss er sich nun den europäischen Schicksalsfragen zuwenden. Der Begriff der Freiheit verdient es, ins Europäische übersetzt zu werden. Der Brüsseler Bürokratenstaat ist der DDR näher, als uns recht sein kann. Merkels Rettungsschirme sind allesamt löchrig. Europäische Sinnstiftung, das lehrt die aktuelle Krise, lässt sich mit frisch gedruckten Geldscheinen nicht kaufen.

Wir wissen nicht, was Gauck zu alledem denkt. Aber wir sind frohen Mutes: Er wird schon einen Weg finden, uns lästig und damit nützlich zu sein. Deutschland ist am Vorabend seiner Wahl eine glückliche Nation.

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