Der Pessimist
Das letzte Warnsignal für die Politik

Durch die Aufblähung der Schulden und die leichtfertige Geldpolitik der Staaten ist eine Art Schneeballsystem entstanden. Bei einem Absturz der Aktienmärkte steht auch dieses vor dem Aus.
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Die westlichen Industrienationen und China haben die Finanzkrise ab 2008 mit einer beispiellosen Schulden- und Liquiditätsorgie bekämpft. Dadurch konnte der Totalabsturz der Weltwirtschaft verhindert werden. Nun aber scheinen die Möglichkeiten der Politik erschöpft. In den USA zeigte die lockere Geldpolitik keine nennenswerten positiven Wirkungen mehr. Europa ist durch die Staatsschuldenkrise gelähmt. In Japan drücken extreme Staatsschulden von über 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Selbst in China, das in den letzten Jahren massive Überkapazitäten in vielen Grundstoffindustrien aufgebaut hat, droht der Investitionsboom zu erlahmen. Die Weltwirtschaft ist in Gefahr.

Der Absturz der Aktienmärkte war vielleicht das letzte Warnsignal an die Politik. Die zunehmende Aufblähung der Schulden und die leichtfertige Geldpolitik der Staaten haben eine Art Schneeballsystem geschaffen. Jeder Schulden- steht eine Vermögensblase gegenüber, und in der aktuellen Blase entspricht der Schuldenanstieg bei den Industrienationen in verblüffender Weise den Steuermindereinnahmen und dem Anstieg der Vermögen der Reichen.

Die Aktienmärkte fungieren als Fieberthermometer oder Sensor für die höchst ungesunden Entwicklungen. Sollte der Ausverkauf sich fortsetzen, sind negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft unvermeidlich. Diesmal fehlen die konjunktur- und geldpolitischen Reserven, mit deren Hilfe das System im Herbst 2008 noch gerettet werden konnte. Aber auch wenn der Fall der Märkte gestoppt wird, wird sich das zunehmende Ungleichgewicht zwischen monetären und realwirtschaftlichen Größen bald an anderer Stelle entladen.

Ken Rogoff und Carmen Reinhard haben gezeigt, dass ab einer Schuldenquote von ungefähr 90 Prozent des BIP negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum zu erwarten sind. Diese Marke haben viele Länder, unter anderem die USA, überschritten, und weitere Länder nähern sich ihr mit schnellen Schritten.

Die Mischung von drastischen Sparmaßnahmen bei gleichzeitig höheren Zinsen wie in den Euro-Randstaaten führt geradewegs in das wirtschaftspolitische Desaster. Ein immer höherer Teil der Wirtschaftsleistung wird zur Bedienung unproduktiver Kapitaleinkünfte verwendet, während gleichzeitig die Realwirtschaft unter den Sparmaßnahmen leidet. Natürlich sind Strukturreformen in Griechenland, Irland, Portugal und Spanien dringend notwendig. Ebenso notwendig sind sie aber auch im Finanzsektor, wo wir uns einen "Sozialismus für Banken und Finanzdienstleister" leisten. Viele Finanzmarktakteure können risikolos Spekulations- und Kapitaleinkünfte erzielen, weil sie im Falle des Scheiterns durch die Allgemeinheit gerettet werden. Die Eigenkapitalanforderungen für Investment- und Schattenbanken sind so niedrig, dass sie nur sehr geringe Anreize zu verantwortungsvollem Handeln bieten.

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  • Eine Frage zum Geldsystem?

    Wie sie Wissen wird das Geld von den Banken aus dem Nichts erschaffen. Alles Geld (Genauer, alles Bargeldlose Geld) existiert als Kredit (Schuld) und ist mit Zins belastet. Bargeld wird vom Staat ausgegeben und für den Normalen Zahlungsverkehr (Einkauf usw.) benötigt. Es wird den Banken für einen Zins zur Verfügung gestellt. Sie holen 100 Euro von der Bank - 100 Euro von dem von den Banken aus dem nichts geschöpften Geld verschwindet - Sie bringen die 100 Euro wieder zur Bank - Das verschwundene Geld erscheint wieder.

    Ein Kredit über 100 Euro wird zurückbezahlt - die 100 Euro verschwinden aus dem Geldkreislauf - der Kredit kostet 5% Zins - zurückzahlen muss ich 105 Euro!

    Jetzt die Frage: Wo kommt das Geld um die 5 Euro Zins zu Bezahlen!

    Bitte nicht Antworten, das Hole ich mir von einem anderen der Geld hat. Das ändert nichts an dem Problem des Zinses. Selbst wenn die Geldsumme des Schuldgeldes immer gleich bleibt, Die Schuld des Zinses steigt langsam Exponentiell an!

    Um den Zins mit Geld bezahlen zu können, müssen daher immer mehr Kredite aufgenommen werden!

  • Der totale crash wird kommen, das ist ja unvermeidlich. was ist das auch für ein blödsinn, überhaupt erst damit anzufangen, arbeitsplätze mit staatsverschuldung zu erkaufen oder die unternehmer mit staatsgeld durchzufüttern. Damit fängt es doch schon an. es bleibt nun nichts mehr als sparmaßnahmen, die erheblichen arbeitsplatzverlust zur folge haben werden. Oder man druckt geld und geht eben in die Inflation, die dann halt wie bereits gehabt endet. Der wachstumswahn im westen und die hemmungslose Schuldenpolitik sind Zeichen der moralischen Verkommenheit des westens, die durch die verwefliche shareholder-value-Politik des westens, insbesondere der USA, verursacht wurden. Krasse umverteilung zugunsten der Reichen und unterbezahlung der arbeitenden weltweit, das sind die Ziele, nach denen vorgegangen wird. daß bei dieser verbohrten haltung ein umsteuern noch möglich ist, glaube ich nicht. Der Kollaps ist ja schon im gange. für deutschland bedeutet das den einbruch der Exportmanie. die Exporte werden dauerhaft auf ein wesentlich niedrigeres niveau heruntergehen. wir werden in rezession gehen. das exportmodell ist zum Scheitern verurteilt.

  • Vielen Dank Herr Otte. Leider gibt es sehr wenige Experten, bei denen man spürt, dass die Einschätzungen auf selbständigem Denken, statt Gehirnwäsche beruhen. Wie immer amn im einzelnen zu Ihren erfrischenden Thesen steht, Sie gehören definitv dazu! Wie kann es nur sein, dass Leute wie Sie am Aussterben sind und in der Ökonomie, der Politik und Journalistik kaum noch anzutreffen sind???

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