Der Pragmatiker muss erst Wahlkampf lernen
Frank-Walter Steinmeier gilt als politischer Senkrechtstarter

Frank-Walter Steinmeier hat noch nie am Zaun des Kanzleramts gerüttelt und gerufen: "Ich will hier rein." Im Gegensatz zu der seines politischen Ziehvaters Gerhard Schröder wirkt die Karriere des 52-jährigen Juristen, als sei er fast immer überraschend und manchmal gegen seine eigene Lebensplanung in höhere Ämter hineingerutscht. Und kurioserweise hat sich das Tempo der Beförderungen des neuen SPD-Kanzlerkandidaten seit 2005 immer weiter beschleunigt, ohne dass bisher der Eindruck eines machtgierigen Politikers entstanden wäre.

BERLIN. Den Katalysator für seinen Aufstieg hat dabei zweifellos die 2005 verabredete Große Koalition gespielt. Denn der Posten des Bundesaußenministers hat den langjährigen Politbeamten aus dem administrativen Schatten plötzlich ins Rampenlicht gerückt. Davor hatte Steinmeier Schröder erst als Staatskanzleichef in Hannover und dann als Kanzleramtschef in Berlin den Rücken freigehalten.

Dann ging alles sehr schnell. Dass der weithin unbekannte Steinmeier rasch die Position eines der beliebtesten deutschen Politiker erobern würde, konnte er zwar noch erwarten - schließlich erleben alle Außenminister ein Umfragehoch. Aber dass Steinmeier von SPD-Chef Kurt Beck im Mai 2007 zu einem seiner drei Stellvertreter gekürt wurde, kam vom Zeitpunkt her überraschend - und für den in Parteidingen unerfahrenen Ostwestfalen eigentlich zu früh. Und als dann Vizekanzler Franz Müntefering am 13. November 2007 überraschend seinen Posten aufgab, um sich um seine todkranke Frau zu kümmern, folgte der nächste Schritt hin zur zentralen SPD-Figur im Bundeskabinett. Nur zehn Monate später winkt jetzt die Kanzlerkandidatur. "Das System Steinmeier funktioniert so, dass Personalentscheidungen fast immer auf ihn zulaufen, ohne dass er einen Finger heben muss", sagt ein enger Parteifreund.

Genau hier liegt die Stärke des Politikers Steinmeier, den Schröder früh mit der Einschätzung adelte: "Der kann alles." Denn der Jurist hinterlässt sowohl bei politischen Freunden als auch Gegnern den Eindruck von Kompetenz. Im Grunde zeichnet ihn ein ähnliches Profil aus wie seine heutige Koalitionspartnerin und künftige Kontrahentin, Bundeskanzlerin Angela Merkel: Er gilt als arbeitswütig, detailversessen, systematisch denkend und pragmatisch. Als Sohn eines Tischlers und einer Fabrikarbeiterin, der sich hochgearbeitet hat, weist er zudem die "richtige" sozialdemokratische Biografie auf.

Es gibt dabei zwei Gründe, warum Steinmeiers bisherige Karriere so reibungslos verlaufen ist. Der eine ist seine Art, eher auf Ausgleich als auf Konfrontation zu setzen. Steinmeier hat zwar innerparteiliche Gegner vor allem auf dem linken Flügel, aber keine Feinde mit Rachegelüsten. Anders als viele andere "Alpha-Tiere" in Berlin hat er es vermieden, andere Politiker zu demütigen - auch wenn er deshalb im aufgeregten Berliner Medien-Corps eher als "langweilig" gilt.

Der zweite Grund ist sein Ruf als sehr angenehmer Chef. Das klingt banal, aber dadurch hat sich Steinmeier über die Jahre ein wachsendes Team loyaler Mitstreiter zusammengestellt, auf die er zurückgreifen kann - teilweise über die Parteigrenzen hinaus. Ein erheblicher Teil seiner früheren Mitarbeiter im Kanzleramt arbeitet ihm nun im Auswärtigen Amt zu oder gehört zu einem informellen Netzwerk, das sich durch fast alle Bundesministerien zieht. Zu den entscheidenden Stützen seiner Arbeit zählen vor allem Büroleiter Stephan Steinlein und Staatssekretär Heinrich Tiemann. Daneben hat sich Steinmeier in aller Ruhe ein breites Netz an deutschen und internationalen Kontakten in Wirtschaft, Politik und Kultur aufgebaut.

Allerdings hat auch der Vizekanzler seine Schwachstellen. Wann immer vermeintliche oder echte Skandale aus der früheren rot-grünen Regierungszeit publik werden, steht er als früherer Kanzleramtschef und Regierungskoordinator mit in der Schusslinie. Der BND-Untersuchungsausschuss war ein Vorgeschmack auf die Angriffe, die nun auch vom Koalitionspartner Union kommen dürften. Wegen seiner teilweise verschrobenen Ausdrucksweise und des anfangs scheuen, misstrauischen Umgangs mit den Medien galt Steinmeier zudem nicht als Traumkandidat. Denn als Wahlkämpfer hat er keine Erfahrung, in Brandenburg kämpft er das erste Mal um ein eigenes Bundestagsmandat.

Sein klares Image als Kopf hinter der Agenda 2010 könnte dazu führen, dass der linke Parteiflügel nicht gerade mit Begeisterung für ihn in den Wahlkampf ziehen wird. Und selbst in der SPD ist man sich nicht einig, wie problematisch der Posten des Außenministers für einen Kanzlerkandidaten ist: Schon warnen Unionspolitiker, gerade in diesen unruhigen Zeiten dürfe der künftige Wahlkämpfer die Außenpolitik nicht vernachlässigen.

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