Der SPD-Chef verzichtet auf Anbiederung
Schröder übt die Nähe zur Basis

Er muss Überzeugungsarbeit für seinen Kurs leisten, für seine Vorstellung von einer zukunftsfähigen SPD. Der Parteivorsitzende probiert’s zur Not mit Pathos – die Delegierten auf dem 140. Bundesparteitag der SPD in Bochum bleiben cool.

BOCHUM. Wie eine Statue steht Gerhard Schröder am Vorstandstisch und nimmt den Beifall der 523 Delegierten entgegen. Mehr als 80 Minuten lang hat der Kanzler soeben seiner verunsicherten Partei Rechenschaft abgelegt. Begeisterung hat der SPD-Vorsitzende damit nicht ausgelöst. Nach dreieinhalb Minuten endet bereits der für einen Parteitag recht mäßige Beifall. Die dunkle Halle im Bochumer Ruhr-Congress leert sich schnell. Es ist später Mittag, und die Genossen verspüren Hunger. Die Rede des Kanzlers hat sie nicht satt gemacht.

„Wir müssen uns der Mühe unterziehen, deutlich zu machen, was es heißt, unter radikal veränderten Bedingungen eine solidarische Gesellschaft lebensfähig, also bezahlbar zu machen“, sagt Schröder. Auch trotzige Sätze wie „Unsere Reformen sind richtig und notwendig“ tauchen in zahlreichen Variationen immer wieder auf: „bitter notwendig“, „wirklich notwendig“, „unverzichtbar“. Als Schröder gar minutenlang in sattsam bekannten Wendungen den „wachsenden Druck auf unsere Sozialsysteme“ beschreibt, greifen einige Genossen auf den rot gepolsterten Stühlen zu den Zeitungen, die auf den weiß gedeckten Tischreihen liegen. Nein, das ist nicht der Stoff, aus dem sozialdemokratische Träume sind.

„Wir wollen nicht immer hören, dass es zu den Reformen keine Alternativen gibt“, ärgert sich später in der Aussprache die hessische Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti. „Wir sind hierher gekommen, um zu erfahren, warum wir in diese Lage geraten sind“, beschreibt auch der niedersächsische SPD-Chef Sigmar Gabriel seine unerfüllten Erwartung.

Also: Warum verlieren immer mehr Menschen das Vertrauen zur SPD? Warum glaubt nur noch ein Viertel der Wähler, dass die Sozialdemokraten die Partei der sozialen Gerechtigkeit sind? Auch wenn man „keine Wunder erwarten darf“, wie Wolfgang Thierse warnt – die Frage nach dem „Warum“ ist die Kernfrage in Bochum, und daran hängt auch die verzweifelt gesuchte Antwort, wie man wieder aus dem Loch herausfindet.

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