Der unbequeme Präsident Gauck schlägt erste Pflöcke ein

Dass Joachim Gauck kein bequemer Bundespräsident werden würde, war vielen klar. Mit Tempo greift er denn auch gleich ins politische Tagesgeschäft ein. Sein erster Vorstoß kommt überraschend gut an.
Update: 19.03.2012 - 16:38 Uhr 11 Kommentare
Joachim Gauck mit seiner Lebenspartnerin Daniela Schadt vor dem Schloss Bellevue. Quelle: dapd

Joachim Gauck mit seiner Lebenspartnerin Daniela Schadt vor dem Schloss Bellevue.

(Foto: dapd)

BerlinSchon nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten hat Joachim Gauck erkennen lassen, dass er sich auch politisch zu diversen Themen positionieren möchte. Einen Vorgeschmack gab er bereits: In einem Interview am Sonntagabend mit der ARD forderte er Änderungen am Solidarpakt, damit die Gelder auch benachteiligten Regionen im Westen zugute kommen können. Die Solidarität dürfe nicht nur richtungsmäßig und geografisch verortet werden. „Sondern da wo wirklich eklatante Notstände sind, da muss etwas passieren“, sagte der parteilose Theologe. Bei seinen Reisen etwa nach Nordrhein-Westfalen habe er „Zustände gesehen, die ich aus Ostdeutschland nicht mehr kenne im öffentlichen Raum“.

Gauck nimmt Amtsgeschäft auf

Der Vorstoß ist ungewöhnlich, zumal Gauck damit zeigt, dass er keine Zeit verstreichen lassen will – und das bereits einen Tag vor seiner Amtseinführung. Die wurde am heutigen Montag vollzogen. Mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt traf Gauck dazu am späten Vormittag am Berliner Amtssitz der Staatsoberhaupts, dem Schloss Bellevue, ein. Die Nüchternheit des streng durchchoreografierten Zeremoniells der Amtsübergabe durchbrach Gauck mit einer demonstrativen Geste der Herzlichkeit: Hand in Hand schritt der neue Bundespräsident mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt die Treppe vor dem Eingang von Schloss Bellevue hinunter, um sich den knapp Hundert Fotografen, Kameraleuten und Reportern zu stellen. „Es puckert erheblich hier drin“, sagt der frühere Pastor und hält die Hand auf sein Herz. Ein Journalist hat ihm die Frage zugerufen, ob er jetzt mehr Respekt oder Vorfreude fühle. „Das ist jetzt mehr Respekt“, sagt Gauck.

Zur Übergabe des Amtssitzes traf Gauck seinen zurückgetretenen Vorgänger Christian Wulff und Bundesratspräsident Horst Seehofer (CSU), der die Amtsgeschäfte nach Wulffs Rücktritt geführt hatte. Zudem ernannte Gauck seinen Vertrauten David Gill zum Staatssekretär im Präsidialamt. Der 45-Jährige Gill war bisher Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche in Deutschland und ist SPD-Mitglied. Seit zwei Jahrzehnten ist der Jurist ein enger Weggefährte Gaucks. Von 1991 bis 1992 war er bereits dessen Sprecher in der Stasi-Unterlagenbehörde.

Für die kommenden Tage wurden die ersten Weichenstellungen des neuen Bundespräsidenten erwartet – und auch seine erste große politische Rede. Mit seinen Überlegungen zur Zukunft des Solidarpakts hat Gauck schon erste Reaktionen provoziert. „Ich begrüße, dass Joachim Gauck mit offenen Augen durch die Welt geht und die Realitäten zur Kenntnis nimmt. Wir in Nordrhein-Westfalen haben eine glasklare Position: Wir sagen, jetzt ist der Westen dran“, sagte die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft (SPD), im Gespräch mit Handelsblatt Online. Denn hier gebe es Nachholbedarf. „Förderung darf nicht mehr nach Himmelsrichtung, sondern muss nach Bedürftigkeit gehen.“ Die Infrastrukturmittel des Bundes seien ein Ansatz, der den Westländern bis 2019 noch weiterhelfen könne. „Hier muss eine klare Priorität für den Westen gesetzt werden“, sagte Kraft.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
„Neuorientierung“ bei Solidarpakt „unumgänglich“
Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Der unbequeme Präsident - Gauck schlägt erste Pflöcke ein

11 Kommentare zu "Der unbequeme Präsident: Gauck schlägt erste Pflöcke ein"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Ah, er schlägt erste Pflöcke ein! Hoffentlich hat Herr Gauck zum nachhaltigen Wirken auch Knoblauch und ein Kruzifix zur Hand.

  • Sein Vorgänger hatte allerdings erst stets nochmal draufgehauen, als der Nagel längst in der Wand war.
    War es das was Sie gemeint haben könnten?

  • Er hat aber auch gesagt, dass er ebenso an die Verweigerer der Integration ran will und das nicht hinnehmen will
    Na warten wir mal ab, wenn er diesbezüglich was sagt und unsre Multi-Kulti-Deutschlandvernichter ihm dann eine auf die Klappe geben
    Wollen kann man ja viel, aber ob man was durchsetzen und erreichen kann, ist halt dann die zweite Frage

  • und?
    was dann?
    dann haut er sich auf den Daumen.
    Mal sehn, ob Sie dann auch nochmal draufhauen werden.

  • Bei so viel Eifer bin ich gespannt, wielange es dauert, bis er sich das erste Mal auf den Daumen haut.

  • Ich habe das Interview auch gesehen und gründlich zugehört - und wenn das Interview nicht geschnitten war und dem Handelsblatt unveröffentlichte Teile des Interviews vorliegen (womit nicht zu rechnen ist), liegt hier ein selten dummer, weil offensichtlicher Beweis vor, wie aus Nichts ein Medienhype gezaubert werden soll:
    Nirgends stellt Gauck in dem Interview eine "Forderung" nach Neustrukturierung des Soli auf, nirgends.
    Das ist für jedermann nachprüfbar, weil das Interview öffentlich einsehbar ist (Mediathek ZDF).

    Es ist wirklich unglaublich, wie reißerisch das Handelsblatt geworden ist, "boulevardesk" wäre ein Kompliment.

    Wie steht es erst mit dem Wahrheitsgehalt von Berichterstattungen zu komplexen Zusammenhängen, bei denen die Nachrichtenquellen weniger leicht zugänglich sind?

    Glaubwürdigkeit=Min., Lautstärke=Max.

    Würden Sie Musik spielen, würde man sagen: Drehen Sie mal runter, die Boxen scheppern, und die Musik hört sich schxxxe an, wenn sie so grell abgespielt wird.
    Zwischentöne sind nicht mehr zu hören, es ist einfach nur: laut.

  • Wie wäre es denn mit einem neuen Thema liebe Medien"arbeiter"?
    Zum Beispiel: Flatulenz, Meteorismus und andere Folgen devianter Lebensführung?
    Oder: weitere "Versuche über politisches Denken"?
    Bei Bedarf: Themata liegen inzwischen förmlich auf der Straße Damen und Herren.

  • Herzlichen Glückwunsch an Herrn Gauck zur Wahl zum Bundespräsidenten.
    Herr Gauck:"Er habe in den USA Menschen aus Afrika oder Asien kennengelernt, die nach einem halben Jahr in den Staaten freudig gesagt hätten, sie seien amerikanische Bürger. „So etwas möchte ich auch hier erleben“.
    Jeder, der nach Deutschland einwandert, dem Land etwas bringt und nicht nur nimmt sowie die freiheitlich demokratische Grundordnung vorbehaltlos akzeptiert ist in Deutschland herzlich willkommen.
    Herr Gauck ist Pastor und ihm sollte deshalb das Bibelwort bekannt sein :"Das Wort, das aus meinem Munde ausgeht wird nicht zurückkehren ohne dass es das getan hat, wozu ich es ausgesandt habe."
    In diesem Sinne mögen die Worte des Bundespräsidenten stets wohl gewogen sein, immer mit Früchten hoch beladen zurückkehren und nicht zu vorzeitigem Rücktritt führen; denn das Bibelwort kann beim M e n s c h e n Positives und Negatives bewirken.

  • So ist das heutzutage: man wird gefragt und äußert sich gefragt zu den Vorarbeiten zu einem Redemanuskript: und schon wird von einer Forderung geredet.
    Cave canes.

  • Das ist das HB auch recht nassforsch: nicht dass es dagegen etwas einzuwenden gäbe.
    Indes hatte Gauck tatsächlich lediglich prospektiert, was ggf. auf seiner ersten politischen Rede am kommenden Freitag, wie er selbst sagte, ggf. auf den Plan kommen könnte.

    Vor einer Forderung in Sachen Soli, vermochte indes selbst der kritischte Zuschauer kaum etwas zu erkennen.
    Das hatte der BP imao auch ganz deutlich, für jedermenn einseh- und nachvollziehbar, zu verstehen gegeben.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%