0 Bewertungen
06.09.2007 
Essay

Der ungeliebte Kapitalismus

von Frank Wiebe

Viele Deutsche bleiben skeptisch gegenüber dem System, das uns reich gemacht hat: Kapitalismus. Dabei sind Vorurteile an die Stelle einer offenen Debatte getreten. Die Diskussion braucht neuen Elan, und dabei kommt man nicht umhin, sich einfallsreicher als bisher über gesellschaftliche Werte zu streiten, meint Frank Wiebe.

'Kapitalismus abschaffen' will dieser Demonstrant. Viele Deutsche bleiben skeptisch gegenüber dem System. Foto: dpaLupe

'Kapitalismus abschaffen' will dieser Demonstrant. Viele Deutsche bleiben skeptisch gegenüber dem System. Foto: dpa

Das Rheingold in der gleichnamigen Wagner-Oper war, so lautet eine gängige Interpretation, die Metapher für den aufblühenden Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, die neue Macht des geldbesitzenden Bürgertums und der Aktienbörse.

Aber eigentlich passt diese Metapher nicht. Denn das Geheimnis des Kapitalismus besteht ja gerade darin, dass hier keine Schätze gesammelt und im Rhein versenkt oder Schlösser gebaut werden, sondern der Reichtum zum größten Teil in neue Produktion investiert wird. Das allein erklärt, warum nur im Kapitalismus ein breiter Wohlstand möglich ist: Die Gier wird zum Motor für Wachstum und Fortschritt, weil sie sich von der Lust auf Konsum und Selbstdarstellung weitgehend gelöst und in pure Geldgier verwandelt hat. Wer seine Kontoauszüge streichelt, kann zugleich Investitionen finanzieren, wer sich den zehnten Sportwagen kauft, lebt noch in der Feudalzeit.

Sind wir heute schlauer als Richard Wagner? Ist uns bewusst, wie der Kapitalismus funktioniert, warum wir ihn brauchen und wie wir ihn weiterentwickeln wollen? Die Diskussion braucht neuen Elan, und dabei kommt man nicht umhin, sich einfallsreicher als bisher über gesellschaftliche Werte zu streiten.

Typisch war vor einiger Zeit eine Radiodiskussion über den Reichtum. Da wurden die üblichen Fragen durchgekaut: Wie reich sind die Reichen, ist das gerecht, sollten die nicht mehr spenden? Und so weiter. Die Tatsache, dass Reichtum heute überwiegend in Unternehmen steckt und Wohlstand schafft, blieb unerwähnt.

Das zeigt: Wir diskutieren im Grunde immer noch so wie zur Feudalzeit. Keine große Volkspartei kann daher daran vorbei, ihre Wähler ab und zu mit antikapitalistischen Reflexen zu bedienen. Das gilt für Deutschland ebenso wie für Frankreich – und wahrscheinlich die meisten Länder der Welt. Wir reden darüber, wie gut wir den Kapitalismus finden und woran er schuld ist, so, als gäbe es eine Alternative.

Deutlich ist da ein eklatanter Unterschied zwischen „Demokratie“ und „Kapitalismus“: Demokraten sind wir alle (bis auf ein paar Verbohrte). Aber bei der Wirtschaftsform eiern viele herum: Markt ja, aber nicht zu radikal, und liberal sind wir auch, aber nicht neoliberal: „Kapitalismus“ wollen wir die ganze Veranstaltung lieber nicht nennen, dann schon lieber soziale Marktwirtschaft, das klingt gemütlicher. Und das, obwohl inzwischen sogar sozialistische Regime, etwa in China und Vietnam, einsehen, dass es ohne Kapitalismus keinen Wohlstand für die Arbeiterklasse gibt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Im Kapitalismus ändern sich berufliche und soziale Rollen innerhalb weniger Jahre

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Forum Diskussionen zu diesem Beitrag im Forum
  Alle anzeigen
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Hart umkämpfte Wahlkreise...

    Hart umkämpfte Wahlkreise für die SPD

    Die SPD wird bei der Bundestagswahl 2009 etliche Direktmandate verlieren. Betroffen davon sind vor allem Wirtschaftspolitiker und Konservative der Bundestagsfraktion. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Lüthke Politikberatung für das Handelsblatt.Bildergalerie 

  • Becksteins mögliche Erben...

    Becksteins mögliche Erben in Bayern

    Nach dem Wahl-Debakel und nur zwölf Monaten Amtszeit gibt sich Ministerpräsident Günther Beckstein geschlagen. Die Parteikollegen trauerten nicht lang. Bereits am Dienstagnachmittag stellten sich drei Amtsanwärter zur Verfügung. Und mit Horst Seehofer hält sich auch ei...Bildergalerie 

  • Das politische Stehaufmän...

    Das politische Stehaufmännchen

    Im vergangenen Jahr war Horst Seehofer noch Erwin Huber bei der Wahl zum Parteivorsitzenden unterlegen, nun scheint der designierte neue Parteichef endlich am Ziel. Er wolle die CSU „in ihrem Mythos, in ihrer Einmaligkeit, in ihrer Erfolgsgeschichte“ der vergangenen fü...Bildergalerie 

  • Gift für die Weltwirtscha...

    Gift für die Weltwirtschaft

    Rund um den Globus nehmen die Schreckensnachrichten zu. Ihr Tenor: Die Turbulenzen der vergangenen Wochen haben die Risiken für die Weltwirtschaft deutlich erhöht, die Wachstumsraten der vergangenen Jahre werden sich so schnell nicht wiederholen lassen. Welche Risiken ...Bildergalerie 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Steinbrücks Bananenflanken  Artikel in Merkliste

06.10.2008 von Bernd Ziesemer

Die Bundesregierung handelt in der Finanzkrise eigenbrötlerisch, verschießt ihr Pulver und setzt die EU-Partner unter Druck - so schießt man Eigentore. Vor allem Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) fällt durch sein wenig überlegtes Vorgehen auf. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Die Industrie erhalten  Artikel in Merkliste

06.10.2008 von Klaus Stratmann

Die Finanzkrise zeigt, wie wichtig die klassische Industrie für die deutsche Wirtschaft ist. Entsprechend umsichtig sollte sie beim Emissionshandel berücksichtigt werden. Kommentar