Viele Deutsche bleiben skeptisch gegenüber dem System, das uns reich gemacht hat: Kapitalismus. Dabei sind Vorurteile an die Stelle einer offenen Debatte getreten. Die Diskussion braucht neuen Elan, und dabei kommt man nicht umhin, sich einfallsreicher als bisher über gesellschaftliche Werte zu streiten, meint Frank Wiebe.
'Kapitalismus abschaffen' will dieser Demonstrant. Viele Deutsche bleiben skeptisch gegenüber dem System. Foto: dpa
Das Rheingold in der gleichnamigen Wagner-Oper war, so lautet eine gängige Interpretation, die Metapher für den aufblühenden Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, die neue Macht des geldbesitzenden Bürgertums und der Aktienbörse.
Aber eigentlich passt diese Metapher nicht. Denn das Geheimnis des Kapitalismus besteht ja gerade darin, dass hier keine Schätze gesammelt und im Rhein versenkt oder Schlösser gebaut werden, sondern der Reichtum zum größten Teil in neue Produktion investiert wird. Das allein erklärt, warum nur im Kapitalismus ein breiter Wohlstand möglich ist: Die Gier wird zum Motor für Wachstum und Fortschritt, weil sie sich von der Lust auf Konsum und Selbstdarstellung weitgehend gelöst und in pure Geldgier verwandelt hat. Wer seine Kontoauszüge streichelt, kann zugleich Investitionen finanzieren, wer sich den zehnten Sportwagen kauft, lebt noch in der Feudalzeit.
Sind wir heute schlauer als Richard Wagner? Ist uns bewusst, wie der Kapitalismus funktioniert, warum wir ihn brauchen und wie wir ihn weiterentwickeln wollen? Die Diskussion braucht neuen Elan, und dabei kommt man nicht umhin, sich einfallsreicher als bisher über gesellschaftliche Werte zu streiten.
Typisch war vor einiger Zeit eine Radiodiskussion über den Reichtum. Da wurden die üblichen Fragen durchgekaut: Wie reich sind die Reichen, ist das gerecht, sollten die nicht mehr spenden? Und so weiter. Die Tatsache, dass Reichtum heute überwiegend in Unternehmen steckt und Wohlstand schafft, blieb unerwähnt.
Das zeigt: Wir diskutieren im Grunde immer noch so wie zur Feudalzeit. Keine große Volkspartei kann daher daran vorbei, ihre Wähler ab und zu mit antikapitalistischen Reflexen zu bedienen. Das gilt für Deutschland ebenso wie für Frankreich – und wahrscheinlich die meisten Länder der Welt. Wir reden darüber, wie gut wir den Kapitalismus finden und woran er schuld ist, so, als gäbe es eine Alternative.
Deutlich ist da ein eklatanter Unterschied zwischen „Demokratie“ und „Kapitalismus“: Demokraten sind wir alle (bis auf ein paar Verbohrte). Aber bei der Wirtschaftsform eiern viele herum: Markt ja, aber nicht zu radikal, und liberal sind wir auch, aber nicht neoliberal: „Kapitalismus“ wollen wir die ganze Veranstaltung lieber nicht nennen, dann schon lieber soziale Marktwirtschaft, das klingt gemütlicher. Und das, obwohl inzwischen sogar sozialistische Regime, etwa in China und Vietnam, einsehen, dass es ohne Kapitalismus keinen Wohlstand für die Arbeiterklasse gibt.
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Warum verstehen wir 231 Jahre nach Erscheinen des „Wohlstands der Nationen“ von Adam Smith, 140 Jahre nach Publikation des ersten Bandes des „Kapitals“ von Karl Marx und 138 Jahre nach der Uraufführung des „Rheingolds“ immer noch nicht, in welcher Welt wir leben?
Ein wichtiger Punkt ist die Dynamik, die der Kapitalismus entfaltet. Er missachtet den Wunsch vieler Menschen nach einer stabilen sozialen und räumlichen Ordnung. Im Kapitalismus ändern sich berufliche und soziale Rollen innerhalb weniger Jahre. Und während er bislang abseits liegende Regionen in den Austausch einbezieht, lässt er andere an Bedeutung verlieren. Wir nennen das heute Globalisierung, doch den permanenten Veränderungsdruck des Kapitalismus empfindet jede Generation neu als Zumutung.
Ein zweiter Punkt: Der Kapitalismus hatte nach Adam Smith zu wenige überzeugende intellektuelle Vorkämpfer. Smith hatte im „Wohlstand der Nationen“ die bahnbrechende Erkenntnis formuliert, dass der menschliche Eigennutz in einer freien Marktwirtschaft auch der Allgemeinheit dient. Deswegen warf er aber nicht gleich alle Wertvorstellungen, die über den persönlichen Nutzen hinausgehen, über Bord. Dieser feine Unterschied drohte in der Folge zu verschwinden. Die Wissenschaft schuf den Homo oeconomicus, der ständig nur seinen eigenen Nutzen maximiert. Er war zwar eigentlich nur eine analytische Kunstfigur, bevölkerte aber für Jahrzehnte die Lehrbücher und prägte somit auch das Menschenbild ganzer Managergenerationen.
Inzwischen wissen wir, dass sogar Affen zur Empathie fähig sind und die menschliche Evolution ohne soziale Instinkte gar nicht denkbar wäre – und in der Ökonomie konnte man in den letzten Jahren berühmt werden mit der Entdeckung, dass der Mensch gar kein Homo oeconomicus ist. Das lange Zeit sehr einseitige Menschenbild der Ökonomen wurde auf den Kapitalismus übertragen und hat ihm keine Freunde verschafft.
Ein dritter wichtiger Punkt ist, dass selbst die Befürworter des Kapitalismus ihn oft nur zum Teil verstehen. Bestes Beispiel dafür ist die Privatisierungsdebatte. Hier lautet häufig die Gleichung: Alles, was der Staat macht, ist schlecht, alles, was die private Wirtschaft macht, ist gut. Dabei gibt es recht erfolgreiche staatliche Veranstaltungen, etwa die deutsche Infrastruktur, die finnischen Schulen und die schweizerische Eisenbahn. Und völlig misslungene Privatisierungen wie die von British Rail; manche deutschen Kommunen übernehmen zudem die Müllabfuhr wieder selber, weil das billiger ist.
Wer der Meinung ist, dass man vom Staat nichts Gutes erwarten kann, verhindert die Diskussion, wie man ihn verbessern sollte. Er verkennt, dass der Wettbewerb der entscheidende Punkt ist und durch Privatisierung keineswegs automatisch entsteht. Und er nährt die Illusion, der Kapitalismus komme ohne gut funktionierende Staaten aus.
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Diese Illusion hat jahrelang auch die Entwicklungspolitik bestimmt. Immerhin deutet sich hier ein Umdenken an. In Gesellschaften ohne eine elementare Infrastruktur – sei es das Verkehrsnetz, das Rechtssystem, die Bildung oder die medizinische Versorgung – kann der Kapitalismus seine Wohltaten nicht entfalten. Er eröffnet den von vornherein Chancenlosen keine neuen Perspektiven und führt auch nicht zu produktivem Wachstum, weil die Reichen ihr Geld außer Landes schaffen oder verprassen. Im Grunde sind daher viele Schwellenländer Feudalgesellschaften geblieben, mit Übeln, die die Linken dann dem Kapitalismus anlasten.
Ökonomen wie der Nobelpreisträger Amartya Sen weisen schon lange darauf hin, dass funktionierende Märkte und ein funktionierender Staat kein Gegensatz sind, sondern sich ergänzen müssen. Dabei beruft er sich auch auf Adam Smith. Aber er findet jetzt erst breiteres Gehör – zu lange passten seine Positionen nicht in die gängigen Schemata der Links-rechts-Diskussion. Ein weiterer Punkt: Die starken Industrieländer definieren Kapitalismus und Globalisierung gerne so, wie es ihnen passt. Sie wollen, dass Schwellenländer ihre Märkte öffnen, sind selbst aber nicht dazu bereit, wie die bekannten Beispiele Landwirtschaft in Europa und Textilindustrie in den USA zeigen. Damit erwecken sie den Eindruck, das ganze System nütze nur den reichen Staaten. Wie der Friedensnobelpreisträger Mohammed Junus sagt: „Die ärmsten Länder zahlen die höchsten Zölle.“
Hinzu kommt die leider weit verbreitete Neigung, „den Markt“ als Totschlagargument zur Verhinderung von Politik anzuführen. Ein Erzkapitalist wie der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg weiß es besser: Er ordnet an, dass die Taxis der Stadt auf sparsame Modelle umgerüstet werden – und überlässt das nicht „dem Markt“.
Und so dreht sich die Diskussion über den Kapitalismus häufig immer noch im Kreis. Die Linken, oder was davon übrig geblieben ist, machen ihn für alles verantwortlich, was nicht funktioniert. Seine Befürworter hingegen neigen dazu, alle Probleme, die er nicht lösen kann, als irrelevant oder zweitrangig wegzuschieben.
Wie kommt man in diesem Punkt weiter? Wahrscheinlich nur durch eine Kombination von klarer Erkenntnis und deutlicher Wertorientierung. Klare Erkenntnis heißt: sich bewusst machen, dass es ohne Kapitalismus weder eine moderne Gesellschaft noch wachsenden Wohlstand gibt. Das kann man theoretisch begründen, es zeigt sich aber auch in der Geschichte. Klare Erkenntnis heißt jedoch auch: Der Kapitalismus ist ein exzellentes Wirtschaftssystem, er alleine löst aber gesellschaftliche, politische oder ökologische Probleme nicht. Vielmehr lebt er von Voraussetzungen, die nur Politik und Gesellschaft schaffen können: Respekt vor Recht und Gesetz, Ausgleich zwischen Generationen und sozialen Gruppen, Chancengleichheit, Vertrauen – etwa in die Erfüllung von Verträgen. Der Kapitalismus ist für sein gutes Funktionieren auf eine Fülle solcher Werte angewiesen, die er nicht selber herstellt. Kaum ein Spruch ist deshalb so realitätsfern wie der von Margaret Thatcher, der früheren britischen Premierministerin: „You know, there is no such thing as society.“ Das Problem ist viel mehr, dass Kapitalismus zwar unsere Gesellschaft umgekrempelt, aber letztlich keine neue Kultur und keine neuen Werte geschaffen hat. Er ist eben, anders als der Philosoph Walter Benjamin gemeint hat, keine neue Religion geworden.
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Beim Thema „Werte“ wird die Spannung dieses Wirtschaftssystems zu jahrtausendealten Lebensformen besonders wirksam. Seine Grundbegriffe wie Gewinn, Streben nach Erfolg und Zinsen haben keinen guten Ruf im Rahmen der überlieferten Wertvorstellungen. Zinsen zu nehmen war im Christentum wie im Islam immer anstößig – im Islam sogar zunehmend, wie der Aufschwung des zinslosen „Islamic Bankings“ zeigt. Auch Aristoteles hat die Zinsnehmer hart kritisiert. Jesus hat gefordert, sich zwischen Gott und dem Mammon zu entscheiden. Seine berühmte Formulierung, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in den Himmel komme, klingt durch die Jahrhunderte. Auch Aristoteles verstand unter der hochgelobten „Ökonomie“ die Kunst, sparsam zu wirtschaften. Die „Chrematistik“, die Lehre des Gelderwerbs, fand er dagegen widernatürlich; ganz so, wie es der kleinbürgerlichen Moral entspricht, die im 20. Jahrhundert von Links- wie Rechtsradikalen gleichermaßen ausgebeutet wurde. Außerhalb Europas sieht es nicht anders aus: Gier ist laut Buddhismus neben Hass und Unwissenheit eines der Grundübel der Menschheit.
Gerade deswegen brauchen wir aber eine neue Debatte: Welche Werte gelten heute noch, und wie müssen wir sie neu definieren? Es ist aber immer noch schwierig, über dieses Thema zu reden, ohne in ideologische Sackgassen zu geraten. Einen Irrweg beschreiten diejenigen, die einen zentralen Wert wie „soziale Gerechtigkeit“ am liebsten wegrationalisieren würden. Auf der anderen Seite gibt es die Betonköpfe, die den Kapitalismus als Feindbild brauchen.
Zum Teil berufen sich die vermeintlichen Freunde des Marktes auf Friedrich August von Hayek – und beziehen sich damit auf die wahrscheinlich dümmsten Ansichten dieses durchaus interessanten Theoretikers: Wer glaubt, irgendeine Gesellschaft könne auf Dauer bestehen, ohne sich immer wieder neu darüber zu streiten und zu verständigen, was Gerechtigkeit heißt, dem fehlen grundlegende politische Instinkte. Wer aber jeden Abbau von Besitzständen, überhaupt schon jede Veränderung reflexartig als „Sozialabbau“ brandmarkt – jetzt haben diese Leute ja sogar eine eigene Partei –, verhindert ebenfalls die Diskussion, statt sie zu führen.
Was wir brauchen, ist eine intelligente und realistische Wertediskussion zwischen diesen Extremen. Und zwar geleitet von grundlegenden Erkenntnissen wie der, dass die Armut der Armen das Problem ist und nicht der Reichtum der Reichen. Das schließt harte Kritik bei Missständen, etwa Zulieferern in Schwellenländern, nicht aus. Im Gegenteil: Nur wenn unsauber arbeitende Betriebe Probleme bekommen, haben sauber arbeitende eine Chance. Und bei der Bezahlung von Topmanagern kommt es manchmal zu Marktversagen, das nur durch stärkeren Einfluss der Eigentümer korrigiert werden kann.
Eine intelligente, aufrichtige Diskussion ist gefordert. Wie es in der Bibel heißt: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.


