Warum verstehen wir 231 Jahre nach Erscheinen des „Wohlstands der Nationen“ von Adam Smith, 140 Jahre nach Publikation des ersten Bandes des „Kapitals“ von Karl Marx und 138 Jahre nach der Uraufführung des „Rheingolds“ immer noch nicht, in welcher Welt wir leben?
Ein wichtiger Punkt ist die Dynamik, die der Kapitalismus entfaltet. Er missachtet den Wunsch vieler Menschen nach einer stabilen sozialen und räumlichen Ordnung. Im Kapitalismus ändern sich berufliche und soziale Rollen innerhalb weniger Jahre. Und während er bislang abseits liegende Regionen in den Austausch einbezieht, lässt er andere an Bedeutung verlieren. Wir nennen das heute Globalisierung, doch den permanenten Veränderungsdruck des Kapitalismus empfindet jede Generation neu als Zumutung.
Ein zweiter Punkt: Der Kapitalismus hatte nach Adam Smith zu wenige überzeugende intellektuelle Vorkämpfer. Smith hatte im „Wohlstand der Nationen“ die bahnbrechende Erkenntnis formuliert, dass der menschliche Eigennutz in einer freien Marktwirtschaft auch der Allgemeinheit dient. Deswegen warf er aber nicht gleich alle Wertvorstellungen, die über den persönlichen Nutzen hinausgehen, über Bord. Dieser feine Unterschied drohte in der Folge zu verschwinden. Die Wissenschaft schuf den Homo oeconomicus, der ständig nur seinen eigenen Nutzen maximiert. Er war zwar eigentlich nur eine analytische Kunstfigur, bevölkerte aber für Jahrzehnte die Lehrbücher und prägte somit auch das Menschenbild ganzer Managergenerationen.
Inzwischen wissen wir, dass sogar Affen zur Empathie fähig sind und die menschliche Evolution ohne soziale Instinkte gar nicht denkbar wäre – und in der Ökonomie konnte man in den letzten Jahren berühmt werden mit der Entdeckung, dass der Mensch gar kein Homo oeconomicus ist. Das lange Zeit sehr einseitige Menschenbild der Ökonomen wurde auf den Kapitalismus übertragen und hat ihm keine Freunde verschafft.
Ein dritter wichtiger Punkt ist, dass selbst die Befürworter des Kapitalismus ihn oft nur zum Teil verstehen. Bestes Beispiel dafür ist die Privatisierungsdebatte. Hier lautet häufig die Gleichung: Alles, was der Staat macht, ist schlecht, alles, was die private Wirtschaft macht, ist gut. Dabei gibt es recht erfolgreiche staatliche Veranstaltungen, etwa die deutsche Infrastruktur, die finnischen Schulen und die schweizerische Eisenbahn. Und völlig misslungene Privatisierungen wie die von British Rail; manche deutschen Kommunen übernehmen zudem die Müllabfuhr wieder selber, weil das billiger ist.
Wer der Meinung ist, dass man vom Staat nichts Gutes erwarten kann, verhindert die Diskussion, wie man ihn verbessern sollte. Er verkennt, dass der Wettbewerb der entscheidende Punkt ist und durch Privatisierung keineswegs automatisch entsteht. Und er nährt die Illusion, der Kapitalismus komme ohne gut funktionierende Staaten aus.
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