Diese Illusion hat jahrelang auch die Entwicklungspolitik bestimmt. Immerhin deutet sich hier ein Umdenken an. In Gesellschaften ohne eine elementare Infrastruktur – sei es das Verkehrsnetz, das Rechtssystem, die Bildung oder die medizinische Versorgung – kann der Kapitalismus seine Wohltaten nicht entfalten. Er eröffnet den von vornherein Chancenlosen keine neuen Perspektiven und führt auch nicht zu produktivem Wachstum, weil die Reichen ihr Geld außer Landes schaffen oder verprassen. Im Grunde sind daher viele Schwellenländer Feudalgesellschaften geblieben, mit Übeln, die die Linken dann dem Kapitalismus anlasten.
Ökonomen wie der Nobelpreisträger Amartya Sen weisen schon lange darauf hin, dass funktionierende Märkte und ein funktionierender Staat kein Gegensatz sind, sondern sich ergänzen müssen. Dabei beruft er sich auch auf Adam Smith. Aber er findet jetzt erst breiteres Gehör – zu lange passten seine Positionen nicht in die gängigen Schemata der Links-rechts-Diskussion. Ein weiterer Punkt: Die starken Industrieländer definieren Kapitalismus und Globalisierung gerne so, wie es ihnen passt. Sie wollen, dass Schwellenländer ihre Märkte öffnen, sind selbst aber nicht dazu bereit, wie die bekannten Beispiele Landwirtschaft in Europa und Textilindustrie in den USA zeigen. Damit erwecken sie den Eindruck, das ganze System nütze nur den reichen Staaten. Wie der Friedensnobelpreisträger Mohammed Junus sagt: „Die ärmsten Länder zahlen die höchsten Zölle.“
Hinzu kommt die leider weit verbreitete Neigung, „den Markt“ als Totschlagargument zur Verhinderung von Politik anzuführen. Ein Erzkapitalist wie der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg weiß es besser: Er ordnet an, dass die Taxis der Stadt auf sparsame Modelle umgerüstet werden – und überlässt das nicht „dem Markt“.
Und so dreht sich die Diskussion über den Kapitalismus häufig immer noch im Kreis. Die Linken, oder was davon übrig geblieben ist, machen ihn für alles verantwortlich, was nicht funktioniert. Seine Befürworter hingegen neigen dazu, alle Probleme, die er nicht lösen kann, als irrelevant oder zweitrangig wegzuschieben.
Wie kommt man in diesem Punkt weiter? Wahrscheinlich nur durch eine Kombination von klarer Erkenntnis und deutlicher Wertorientierung. Klare Erkenntnis heißt: sich bewusst machen, dass es ohne Kapitalismus weder eine moderne Gesellschaft noch wachsenden Wohlstand gibt. Das kann man theoretisch begründen, es zeigt sich aber auch in der Geschichte. Klare Erkenntnis heißt jedoch auch: Der Kapitalismus ist ein exzellentes Wirtschaftssystem, er alleine löst aber gesellschaftliche, politische oder ökologische Probleme nicht. Vielmehr lebt er von Voraussetzungen, die nur Politik und Gesellschaft schaffen können: Respekt vor Recht und Gesetz, Ausgleich zwischen Generationen und sozialen Gruppen, Chancengleichheit, Vertrauen – etwa in die Erfüllung von Verträgen. Der Kapitalismus ist für sein gutes Funktionieren auf eine Fülle solcher Werte angewiesen, die er nicht selber herstellt. Kaum ein Spruch ist deshalb so realitätsfern wie der von Margaret Thatcher, der früheren britischen Premierministerin: „You know, there is no such thing as society.“ Das Problem ist viel mehr, dass Kapitalismus zwar unsere Gesellschaft umgekrempelt, aber letztlich keine neue Kultur und keine neuen Werte geschaffen hat. Er ist eben, anders als der Philosoph Walter Benjamin gemeint hat, keine neue Religion geworden.
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