Der Wiederholungstäter
Erfolg durch Provokation

Der erste Bestseller kostete ihn das Amt, und brachte ihm viel Aufmerksamkeit. Nun publiziert Thilo Sarrazin sein neues Buch, in dem er wenig neues über den Euro berichten kann. Der Erfolg ist ihm dennoch sicher.
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BerlinAn welchem Punkt ein Leben eine Wende nimmt, ist höchst unterschiedlich. Für Thilo Sarrazin muss im Mai 2009 der Wechsel aus dem Amt des Berliner Finanzsenators in den Bundesbank-Vorstand der Auslöser gewesen sein: Damals sah sich der heute 67-Jährige, der zuvor fast täglich als der deutsche Experte für solide Haushaltspolitik gefragt war, zum Schweigen und - wie er selbst sagte - zum Nichtstun verdammt.

Sarrazin nutzte die freie Zeit und schrieb "Deutschland schafft sich ab". Er fand ein politisch ungelöstes Problem - den schlechten Schulerfolg vieler Einwandererkinder -, mischte es mit Geburtsstatistiken und Genetik und kam auf 464 Seiten zu dem Schluss, dass die Deutschen nicht nur immer weniger, sondern auch immer dümmer würden. Den Aufschrei der politischen Klasse, der er selbst sein Berufsleben lang angehört hatte, kalkulierte er ein. Der Bestseller kostete ihn sein Amt als Bundesbanker.

Heute erscheint "Europa braucht den Euro nicht" - und Sarrazin übt sich als Wiederholungstäter. Wieder fand er ein ungelöstes Problem - die Euro-Krise. Wieder verbindet er es mit Statistiken und Zitaten, kommt wieder auf 464 Seiten zu einem Schluss. Diesmal: dass die Befürworter von Euro-Bonds vom "Reflex getrieben" seien, "Buße für Holocaust und Weltkrieg" leisten zu müssen.

Wieder hat er den Aufschrei der politischen Klasse programmiert - von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) über Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin bis Ralf Stegner (SPD). Bei Günter Jauch am Sonntagabend ist es schließlich der frühere SPD-Finanzminister Peer Steinbrück, der widerspricht: Nein, die Euro-Einführung diente dazu, die deutsche Wiedervereinigung den Nachbarländern ertragbar zu gestalten.

Das Euro-Buch dürfte es noch leichter haben, Leser zu finden, als das erste, das mit allein 1,5 Millionen Hardcover-Exemplaren zum meistverkauften deutschen Sachbuch wurde. Denn niemand wird bestreiten, dass Sarrazin etwas von Finanzpolitik versteht.

Kommentare zu " Der Wiederholungstäter: Erfolg durch Provokation"

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  • Sehr geehrter Herr Sarrazin,

    auch ich teile weitestgehend Ihre kritischen Haltungen, die sich aus der Sorge um die Zukunftsfähigkeit der deutschen Bevölkerung und Deutschlands rekrutieren, in Wort und Geist ihrer Intentionen.

    Pathologisch anmutendes Gutmenschendenken jenseits jeder Realität und opportunistische Frasendrescherei feiner wie verlogener "Demokraten", lassen eine andere Meinungsbildung als die vorgegebene in unserem Staat nicht wirklich zu.

    Ob diese wenig differenzierten Sichtweisen unter Missachtung des Istzustandes nun von einem amtierenden Bundesfinanzminister kommen, der möglicherweise infolge seiner Behinderung verlernt hat anständig mit Menschen umzugehen, oder, wie aktuell, die kurdischstämmige Journalistin Mely Kiyak, die ihre offensichtlichen intellektuellen Defizite und, wohl ethnisch bedingte Aggressionen, glaubt los werden zu müssen, so vereint alle diese Ihre „Kritiker" doch eines.
    Nämlich: Mangelhafter Anstand und Respektlosigkeit im Umgang mit Menschen, nicht vorhandene Empathie, Realitätsferne und wenig gesunder Menschenverstand, so wie permanente Anfeindungen jener Zeitgenossen in unserem Land, die sich hinsichtlich unserer Nachfolgegenerationen, unserer Kindern und Enkeln wegen, berechtigte Sorgen machen.
    Seien Sie versichert, dass Sie mehrheitlich der "Schweigenden Mehrheit" in unserem Land aus der Seele sprechen. Das Ergebnis von 45 lässt grüßen. Ich auch.

    Ihnen begegne Ihnen mit allergrößtem Respekt, Ihres Mutes und Entschlossenheit wegen, Missstände in unserem Land aufzuzeigen, die eine drohende Fehlentwicklung unkorrigierbar machen wird.

    Manfred Luck

  • Provokation? Sofern man das anhand der Vorab-aussagen/züge überhaupt bereits sagen kann nutzt Sarrazin eine Reihe ökonomischer Tatsachen um sie als Sammelsurium in Buchform zu verkaufen. Soweit ich das bisher erkennen konnte kann sich jeder der gleichen Quellen bedienen, was aber natürlich ungleich mühseliger ist.
    Ob man seinen Schlußfolgerungen auch folgen möchte ist letztlich jedem Leser selbst überlassen. Verschiedensten Umfragen zufolge lehnen zwischenzeitlich zwischen 40 und 60 % der Bundesdeutschen den Euro ab bzw. halten die Euroeinführung für einen Fehler.

    Erschreckend finde ich, dass Herr Sarrazin mit einer Schlußfolgerung, mit der er also wahrlich nicht allein steht, in die Rolle des Provokateurs, des dumpf rechtsnationalen gedrängt wird. Erschreckend ist, dass die 40-60 % der Deutschen die hinsichtlich des Euros eine gleiche oder ähnliche Meinung haben durch das politische Establishment ignoriert werden.

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