Deregulierung der Bundesregierung gescheitert

Unternehmen versinken in der Bürokratie

Vorschriften, Anleitungen, Regulierungen: Deutschlands Manager fühlen sich der Bürokratie immer stärker ausgeliefert, zeigt der Handelsblatt-Business-Monitor. Die Ergebnisse sind eine Ohrfeige für die Bundesregierung.
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Die Bürokratie in Deutschland macht vielen Unternehmen zu schaffen. Quelle: dpa

Die Bürokratie in Deutschland macht vielen Unternehmen zu schaffen.

(Foto: dpa)

Frankfurt, BerlinDass Deutschlands Bürokratie ein Monster ist, daran zweifelt keiner. Was aber viel schlimmer ist: Es wächst und gedeiht, urteilen neun von zehn deutschen Spitzenmanager, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa für den Handelsblatt-Business-Monitors befragt hat. Die Bürokratie, sagt Forsa-Chef Manfred Güllner, „umfasst die Unternehmen im Würgegriff“.

Knapp 700 Führungskräfte der deutschen Wirtschaft hat Forsa in den vergangenen Wochen exklusiv für das Handelsblatt in einer repräsentativen Umfrage telefonisch interviewt - mit klaren Ergebnissen: 71 Prozent der Spitzenmanager klagen darüber, es gebe „alles in allem“ zu viele Vorschriften und Regulierungen in Deutschland. Das Ausmaß sei größer als in vergleichbaren westlichen Ländern, meinen zwei Drittel der Befragten.

Die Ergebnisse der Umfrage gleichen einer schallenden Ohrfeige für die Bundesregierung. Schwarz-Gelb wollte die Wirtschaft von einem Viertel der bürokratischen Lasten befreien, die sich laut dem Statistischen Bundesamt auf jährlich 50 Milliarden Euro belaufen.

Selbst Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) sieht Handlungsbedarf - gibt den Schwarzen Peter aber nach Brüssel weiter: „Wir haben national schon viel erreicht. Doch der Bürokratieabbau bleibt angesichts der europäischen Gesetzgebung eine Daueraufgabe“, sagte er dem Handelsblatt.

Am nächsten Mittwoch überreicht Johannes Ludewig Bundeskanzlerin Angela Merkel den Jahresbericht des Normenkontrollrats zum Bürokratieabbau - eines der Vorzeigeprojekte der Bundesregierung. Die Bilanz des früheren Bahn-Chefs, der heute an der Spitze des Gremiums steht, ist geteilt: „Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, ein Viertel dieser Last bis Ende 2011 abzubauen. Das ist weitgehend gelungen“, sagte Ludewig.

Doch das von der Koalition selbst gesteckte Ziel an Maßnahmen zum Bürokratieabbau ist noch nicht erreicht: „Weitere müssen folgen“, forderte Ludewig. Der Normenkontrollrat berät die Regierung beim Bürokratieabbau. Das Gremium erwarte mehr Engagement von allen Beteiligten, sagte Ludewig. Länder und Kommunen müssten sich ebenso beteiligen wie die Wirtschaft. „Gute Vorschläge aus der alltäglichen Praxis, wo konkret unnötige Bürokratie und Kosten beseitigt werden können, sind leider in der Realität eher Mangelware.“

„Der Willkür der Bürokratie hilflos ausgeliefert“
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23 Kommentare zu "Deregulierung der Bundesregierung gescheitert: Unternehmen versinken in der Bürokratie"

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  • In Deutschland wurden seit 2009, was viele nicht wissen, mehrere hunderttausend Ordnungsgeldverfahren gegen GmbHs eingeleitet mit Ordnungsgeldfestsetzungen von insgesamt mehreren hundert Mio. Euro, um die GmbHs zu zwingen, ihre mindestens 12 Monate alten Jahresabschlüsse im Internet zu veröffentlichen. Ein Hammer. Bis 2008 gab es das nicht. Und ab 2013 gibt es neue Gesetze auf Basis der EU-Microrichtlinie, nach denen diese Internet-Publizierungen so nicht mehr notwendig sind! Für die Zwischenzeit kommen die Riesenrechnugen vom Bundesamt für Justiz. Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die kein Unternehmer thematisiert, weil es natürlich für ihn und seinen Steuerberater peinlich ist. Liebes Handelsblatt, bitte recherchieren und berichten!

  • @Christian
    Das stimmt - leider. Aber der Geschäftsprozess ist der zivile Bruder des Verwaltungsaktes und er ist - obwohl in eineigen Bereichen nicht verzichtbar, hocheffizient - in vielen Unternehmensbereichen völlig übertrieben gewachsen oder gar schlicht überflüssig. Aber Excel-Manager lieben ihn.

  • Das ist der Preis für Rechtssicherheit.
    Was nicht geschrieben steht, gilt auch nicht. Und was nicht gilt, muß aufgeschrieben werden. Und das was schon geschrieben ist, bedarf der Erläuterung zur Ausführung, und diese bedarf der Erläuterung wozu diese Bestimmung und das Gesetz geschaffen wurde.
    Jeder Verwaltungsvorgang muß schlüssig und nachvollziehbar abgeschlossen und abgelegt werden, zur Beweisführung der Rechtsstaatlichkeit - und als Beleg der fiskalischen Relevanz - und gegen den Terror. Letzeres war nur ein flapsiger Einwand :). Dient doch dieses Argument einem weiteren bürokratischem Popanz, welcher schon im Schlafzimmer anfängt.
    Und - wer mit tieferem Wasser in Berührung kommt, sollte Schwimmbewegungen machen.

  • HB:"Die Folge: Der Beratungsbedarf steigt. Mehr als drei Viertel der Spitzenmanager geben daher an, sie seien in den letzten Jahren zunehmend auf Anwälte und Steuerberater angewiesen gewesen."

    Wo sollen bei einer weiteren De-industrialisierung die Arbeitsplätze herkommen ?
    Im Dienstleistungsbereich.
    Bürokratie schafft Arbeitsplätze in den Behörden und in der Beratungsbranche ----- und mögliche Korruption, da die Auslegung vieler Gesetze und Vorschriften im Ermessensbereich des Behördenvertreters liegen.
    Griechische Verhältnisse nur in Griechenland ????

  • Das ist doch nicht neu. Ja, da kommt noch ein wenig Regulierung auf die Unternehmen zu. Wenn diese aber jetzt dran ersticken, dann sind die Entscheider selber schuld. Selten haben sich Mittelständler in den letzten 15 Jahren um ihre Arbeitsabläufe gekümmert. Das Einsparpotenzial in den Unternehmen liegt bei mindestens 20%. Übrigens,da wird kein Mitarbeiter auf die Straße gestellt. Unternehmerkollegen, jammert nicht. Ihr habt Eure Aufgaben nicht gemacht.

  • Mit Stoiber wurde der Bock zum Gärtner gemacht. Der Mann liebt Bürokratie. Wie die Mehrheit der Politiker und Beamten fehlt ihm der Bezug zur realen Arbeitswelt.
    Die fortgeschrittene Bürokratie in D ist definitiv ein Standortnachteil. Im Uebrigen wäre es sehr zu wünschen würden bei dieser Gelegenheit auch tausende von überpensionierten teuren BürokratenBeamten abgeschafft.

  • Ein kurzer Kommentar des Finanzanalysten Michael Campbell von der talkshow station CKNW, der groessten Radiostation im westen Kanadas beschreibt die katastrophale Buerokratie der EU:


    Lord’s Prayer (Vater Unser) 166 words
    Ten Commandments (10 Gebote) 179 words
    Gettysburg Address 286 words
    US Declaration of Independence 1300 words
    US Constitution (US Verfassung) 7818 words
    Regulation about the sale of cabbage in EU (Verordnung ueber den Verkauf von Kohl in der EU) 26911 words

    Und die europaeischen Politiker denken noch immer, sie koennten eine Union herbeizaubern?!

  • Manager sind gelähmt, weil sie Angst haben Fehler zu machen. Unklare Gesetze und Verantwortlichkeiten. Wegen jedem Furz werden Anwälte bemüht. Komplexität verhindert sowohl Marktwirtschaft wie Demokratie. Wo man nicht durchblickt, kann man nicht entscheiden.

    Wenn alle Fakten auf dem Bruchstrich stehen (wir erinnern uns) muss rausgekürzt und aufgeräumt werden, damit die Formel wieder übersichtlich wird. Das muss mit Gesetzen und ebenso geschehen, damit die Lage übersichtlich bleibt. Aber als das durchgenommen wurde, waren die meisten Politiker gerade Kreide holen.

    @ versager
    Dass das bei den tollen Jungs einfach so mitläuft ist kaum zu glauben. Zuviele Risiken oder Zusammenhänge werden falsch eingeschätzt. Routinekram hält ab von nötigen Überlegungen. Routinekram verursacht wohl auch mehr Burnouts im oberen und mittleren Management als die eigentliche Arbeit. Dass Transparenz den Markt beflügelt wußte schon A. Smith. Unsere Politiker nehmen das nur nicht mehr ernst. Sie schützen das Kapital (Besitzstände) nicht aber den Kapitalismus als System! Wir leben längst in einer Planwirtschaft. Woran man das erkennt? Ganz einfach: an der zunehmenden Bürokratie. Bürokratie war nicht unschuldig am Zusammenbrechen des Ostblocks. Sie bringt auch den Kapitalismus zu Fall.

  • Manager sind gelähmt, weil sie Angst haben Fehler zu machen. Unklare Gesetze und Verantwortlichkeiten. Wegen jedem Furz werden Anwälte bemüht. Komplexität verhindert sowohl Marktwirtschaft wie Demokratie. Wo man nicht durchblickt, kann man nicht entscheiden.

    Wenn alle Fakten auf dem Bruchstrich stehen (wir erinnern uns) muss rausgekürzt und aufgeräumt werden, damit die Formel wieder übersichtlich wird. Das muss mit Gesetzen und ebenso geschehen, damit die Lage übersichtlich bleibt. Aber als das durchgenommen wurde, waren die meisten Politiker gerade Kreide holen.

    @ versager
    Dass das bei den tollen Jungs einfach so mitläuft ist kaum zu glauben. Zuviele Risiken oder Zusammenhänge werden falsch eingeschätzt. Routinekram hält ab von nötigen Überlegungen. Routinekram verursacht wohl auch mehr Burnouts im oberen und mittleren Management als die eigentliche Arbeit. Dass Transparenz den Markt beflügelt wußte schon A. Smith. Unsere Politiker nehmen das nur nicht mehr ernst. Sie schützen das Kapital (Besitzstände) nicht aber den Kapitalismus als System! Wir leben längst in einer Planwirtschaft. Woran man das erkennt? Ganz einfach: an der zunehmenden Bürokratie. Bürokratie war nicht unschuldig am Zusammenbrechen des Ostblocks. Sie bringt auch den Kapitalismus zu Fall.

  • Wir sollten das Thema Bürokratie nicht nur auf
    Vater Staat schieben, das können die Unternehmen
    auch gut selbst: Ich kenne große deutsche Firmen
    die alle 3 Tage neue Richtlinien und Arbeitsanweisungen
    erfinden, die dann Tage später ergänzt und korrigiert
    werden müssen ohne das ein Beitrag zum Firmenwohl
    erkennbar wäre....

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