Deregulierung
Kabinett macht Praxisketten möglich

Die Bundesregierung will mit einer Liberalisierung des Praxisrechts dem Ärztemangel in Teilen Ostdeutschlands und auf dem Land begegnen. Der am Mittwoch beschlossene Gesetzentwurf erlaubt Medizinern unter anderem, mehrere Praxen zu betreiben und dort Kollegen anzustellen.

BERLIN. Mit einer Liberalisierung des Praxisrechts will die Bundesregierung dem Ärztemangel in Teilen Ostdeutschlands und auf dem Land begegnen. Ein vom Kabinett am Mittwoch beschlossener Gesetzentwurf erlaubt Medizinern unter anderem, mehrere Praxen zu betreiben und dort Kollegen anzustellen. Ärzte könnten zudem ihre Arbeitszeit auf Krankenhaus und Praxis aufteilen. In Gebieten mit Ärztemangel sollen überdies die Altersgrenzen flexibler gehandhabt werden.

Die Neuregelung biete die Chance, Verkrustungen in der Gesundheitsversorgung aufzubrechen, sagte Franz Knieps, zuständiger Abteilungsleiter im Gesundheitsministerium, dem Handelsblatt. Ein ganz großer Umbruch in der Versorgungslandschaft und dem Berufsbild der freiberuflichen Mediziner erwarte die Bundesregierung zwar nicht. Die Liberalisierung des Vertragsrechts für Ärzte könnte jedoch Bewegung ins System bringen. Diesem ersten Schritt müssten mit der Gesundheitsreform weitere folgen, sagte Knieps.

Derzeit findet die ambulante medizinische Versorgung überwiegend in Einzelarztpraxen statt. Nur ein Drittel der rund 120 000 niedergelassenen Ärzte arbeitet in Gemeinschaftspraxen. Dies liegt auch daran, dass Vertragsärzte bisher allenfalls zur Praxisvertretung weitere Ärzte einstellen dürfen. So ist es Allgemeinmedizinern untersagt, ihr Angebot zu vergrößern, indem sie Vertreter anderer Fachdisziplinen bei sich beschäftigen. Damit ist der einzelne Arzt deutlich gegenüber neuen Versorgungsformen wie den medizinischen Versorgungszentren (MVZ) benachteiligt, die mit der letzten Gesundheitsreform eingeführt wurden.

Das soll sich ändern. Sollte das neue Vertragsarztrecht Bundestag und Bundesrat unbeanstandet passieren, können niedergelassene Ärzte künftig wie die MVZ beliebig viele Ärzte jeder Fachrichtung bei sich beschäftigen. Sie können neben ihrer Stammpraxis Zweigpraxen an anderen Orten betreiben und dort auch mit Unterstützung angestellter Ärzte vertragsärztlich tätig sein. Schließlich können sie sich auch mit anderen Heilberufen wie Krankengymnasten in einer „Berufsausübungsgemeinschaft“ zusammen tun.

Theoretisch könnte damit ein Arzt künftig auch Praxisketten betreiben vergleichbar den Apothekenketten und den Optikerketten, die es heute schon gibt. Dazu wird es allerdings wohl nur in Ausnahmefällen kommen, da jeder der dort tätigen Ärzte eine Kassenzulassung haben muss. Die erhält er aber nur, wenn die entsprechende Region nicht mit Medizinern überversorgt ist. Trotzdem bietet die Reform vielen jungen Medizinern und Frauen, die nur Teilzeit arbeiten wollen, eine Chance, in die ambulante Versorgung einzusteigen, ohne sofort das unternehmerische Risiko einer Praxisgründung auf sich nehmen zu müssen. Ganz nebenbei würde dadurch der drohenden Überalterung der Vertragsärzteschaft entgegengewirkt.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hofft außerdem, dass etwa Hamburger oder Berliner Ärzte die neuen Möglichkeiten nutzen werden, um verwaiste Hausarztsitze in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern im Nebenjob zu übernehmen. Der Bekämpfung des drohenden Ärztemangels auf dem Land gilt ein eigenes Kapitel des neuen Gesetzes (siehe „Kampf dem Ärztemangel“).

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