Nach der Wirtschaft haben nun auch die deutsche Leibniz-Gemeinschaft und zahlreiche Forscher eine Reform des Stammzellgesetzes gefordert. Der Bundestag debattierte am Donnerstag in einer Grundsatzdebatte über vier unterschiedliche Anträge zu einer Reform des Gesetzes.
BERLIN. Leibniz-Präsident Ernst Theodor Rietschel verlangte, die geltende Stichtagsregelung für den Import von Stammzellen ersatzlos abzuschaffen.Einzige Bedingung für die Einfuhr solle künftig sein, dass die Stammzellen aus menschlichen Embryonen gewonnen wurden, die bei der künstlichen Befruchtung übrig geblieben sind, sagte Rietschel. Er liegt damit auf einer Linie mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Max-Planck-Gesellschaft. Die DFG würde als Kompromiss allerdings auch eine neue Stichtagsregelung akzeptieren.
Der Bundestag debattierte am Donnerstag in einer Grundsatzdebatte über vier unterschiedliche Anträge zu einer Reform des Stammzellgesetzes. Die Positionen reichen von einem generellen Verbot der Embryonenforschung in Deutschland bis zu einer Abschaffung des Stichtags.
Seit 2002 dürfen deutsche Embryonenforscher nach Genehmigung durch das Robert-Koch-Institut Stammzelllinien importierten, die vor dem 1. Januar 2002 durch Vernichtung überzähliger Embryonen gewonnen wurden. Dadurch sollte verhindert werden, dass von der deutschen Forschung ein Anreiz ausgeht, immer neue Embryonen im Ausland zu vernichten. Die Stammzelllinien gelten aber als veraltet und werden von Forschern im Ausland nicht mehr genutzt.
Der Wissenschaft geht es um mehr als eine Abschaffung des Stichtags. Forscher wollen embryonale Stammzellen nicht nur wie bislang in der Grundlagenforschung, sondern auch für diagnostische, präventive und therapeutische Zwecke einführen dürfen. Außerdem soll im Gesetz eindeutig klar gestellt werden, dass es nur im Inland gilt. Deutsche Forscher, die an internationalen Kooperationen mit neueren Stammzelllinien teilnehmen, wären sonst der latenten Gefahr ausgesetzt, in Deutschland dafür bestraft zu werden.
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Alle 17 deutschen Wissenschaftler, die derzeit mit embryonalen Stammzellen arbeiten, sprachen sich in einer Umfrage des „Kölner Stadtanzeigers“ für eine Reform des Gesetzes aus. Noch könnten sie mit den zugelassenen veralteten Zelllinien arbeiten. Doch sehen Forscher wie der Kölner Biologe Jürgen Hescheler die Gefahr, dass ausländische Wissenschaftlergruppen „nicht mehr mit uns zusammenarbeiten wollen, weil wir nur mit alten Linien arbeiten“.
Der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle kritisierte die Stichtagsregelung als „Hauptbremsklotz seiner Arbeit“. Die Bewertungen der Qualität der internationalen Zusammenarbeit durch die 17 Forscher reichten von „besser als so mancher denkt“ bis „international nicht konkurrenzfähig“ und „miserabel“.
Der Bundestag beriet am Donnerstag in erster Lesung ohne Fraktionszwang über vier Anträge, die von einem totalen Verbot bis zu einer Abschaffung der geltenden Stichtagsregelung reichen. Einig sind sich alle Parteien, die Strafandrohung für deutsche Forscher, die sich an internationalen Kooperationen mit neuen Zelllinien beteiligen, abzuschaffen.
Bei der Grundsatzfrage, ob neue Zelllinien importiert werden dürfen, geht dagegen eine tiefe Kluft quer durch alle Fraktionen. Die größte Unterstützung hat bislang der Antrag des SPD-Politikers René Röspel, den Stichtag auf den 1. Mai 2007 zu verschieben. Dagegen gelten Anträge, den Stichtag abzuschaffen oder den Stammzellimport generell zu verbieten, bislang als aussichtslos. Anfang März will der Bundestag Experten anhören und dann bis Mitte März abschließend über eine Reform entscheiden.


