Deutsche Jugend
Kein Glaube an den sozialen Aufstieg

Einmal arm, immer arm: Vor allem junge Menschen aus einfachen Verhältnissen glauben nicht an einen sozialen Aufstieg. Dass persönliche Anstrengung weiterhilft, glauben die wenigsten. Für viele zählt nur das Elternhaus.
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BerlinMehr als die Hälfte der aus einfachen Verhältnissen stammenden Menschen unter 30 Jahren glaubt nicht, dass in Deutschland ein Aufstieg in eine höhere soziale Schicht möglich ist. Einer neuen Studie zur Chancengerechtigkeit zufolge ist mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung überzeugt davon, dass Leistung sich nicht lohnt und allein das Elternhaus zählt. Der Glaube, sich durch Leistung verbessern zu können, sei aber eine Grundvoraussetzung dafür, sich verstärkt zu engagieren, sagte die Geschäftsführerin des Allensbach-Instituts, Renate Köcher, am Montag in Berlin bei der Präsentation der Studie. Besonders pessimistisch sind danach die Ostdeutschen.

Ganz anders schätzen etwa die Schweden ihre Chancen ein. Laut der ländervergleichenden Studie im Auftrag der Zeitschrift „Bild der Frau“ sind dort unabhängig von der sozialen Schicht zwei von drei jungen Erwachsenen überzeugt davon, dass jeder alles werden kann. Lediglich 28 Prozent halten einen sozialen Aufstieg für nur sehr schwer möglich. Hierzulande werde die Verantwortung für die Bildung der Kinder stark den Eltern übertragen. In Schweden zeigen sich die Eltern laut Umfrage deutlich entspannter und delegieren Bildungsaufgaben eher an den Staat.

Weil deutsche Eltern sich eher verpflichtet fühlen, spielen ihre eigenen Voraussetzungen der Studie zufolge eine größere Rolle als in Schweden. Der enge Zusammenhang zwischen Bildungshintergrund der Eltern und dem Bildungsweg der Kinder präge auch die Vorstellung der Deutschen sehr stark, ob man es in dieser Gesellschaft mit Leistung zu etwas bringen könne, sagte Köcher. Soziale Unterschiede seien normal. „Die entscheidende Frage ist, ob eine Gesellschaft auch Auf- und Abstiege ermöglicht“, betonte die Meinungsforscherin.

Bereits das dreigliedrige deutsche Schulsystem sei sehr starr und nicht durchlässig, ergänzte dazu die Bildungssoziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, Jutta Allmendinger. Sie kritisierte, dass die Herkunft von Schülern bei der Beurteilung ihrer Chancen oft eine zu große Rolle spiele.

Während schwedische Eltern glauben, dass Kinder davon profitieren, wenn sie schon sehr früh in die Kita oder zur Tagesmutter gehen, sind die Deutschen der Meinung, dass ein Kleinkind unter der Berufstätigkeit der Mutter oder beider Elternteile leidet. In Deutschland besucht bislang nur rund ein Viertel der unter Dreijährigen eine Kinderbetreuungseinrichtung. Schweden verzeichnet dagegen eine Betreuungsquote von mehr als 90 Prozent für Zweijährige.

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Schwedische Eltern sind entspannter

Kommentare zu " Deutsche Jugend: Kein Glaube an den sozialen Aufstieg"

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  • Es verwundert wenig, dass die Aufstiegschancen so gering empfunden werden, schlicht weil sie es mittlerweile sind.
    Entgegen der gerne verbreiteten Schuldzuweisung an die Lehrerschaft ist diese selten dafür verantwortlich, sie verwaltet lediglich die Fakten.
    Die Vorsortierung in der Grundschule ist eher selten das Problem, sondern die Unmöglichkeit schon in der Grundschule ungünstige Voraussetzungen kompensieren zu können.
    Auch die Angst der Eltern vor der Hauptschule ist zwiespältig, denn sie ist realistisch gesehen weniger der Schulform, als vielmehr einer zu großen belastenden Klientel und entsprechender Vorurteile bei Arbeitgebern und weiterführenden Bildungsangeboten geschuldet.
    Die Qualität der Hauptschulen differiert dabei erheblich. Es gibt Hauptschulen deren 10b Abschluss ist tatsächlich auf dem Niveau der Realschulen, und schlimmer, bei vielen eben nicht. Aber selbst dort wo die Ansprüche erfüllt werden, müssen die entsprechenden Schüler höhere Leistungen erbringen, als Realschüler, eben weil Ihnen von vorneherein eine Minderleistung unterstellt wird.
    Vielleicht ist es nicht zumutbar, politisch jedenfalls unerwünscht, wenn solche Qualitätsunterschiede ausreichend bekannt sind.
    Es scheint mir aber vielmehr so, das die allgegenwärtige Bürokratie letztlich entsprechende Bemühungen vor Ort schlicht erstickt, wegen zu hohen Arbeitsaufwandes.
    Das Bestreben sich den ausländischen akademischen Titeln anzupassen führt zudem dazu, das die formalen Anforderung beständig steigen, völlig ignorierend, das unsere Nichtakademiker in solchen Berufen meist ohnehin besser qualifiziert sind, als entsprechende in Europa ausgebildete Bachelors. Statt entsprechende Anerkennung in die Wege zu leiten, werden lediglich die formalen Anforderungen erhöht.
    Wen kann es da wundern, das wir die dieselben sozialen Probleme bekommen wie im benachbarten europäischen Ausland?

    Politische Utopien und Besitzstandswahrung zerstören systematisch die ehemals guten Chancen.

    H.

  • Das Problem sind bei uns die Grundschulen und die weiblichen Lerkräfte, die mit Zynismus gleich die Kindner einteilen.
    Früher ging ein Volksschullehrer noch zu den Eltern und überredete sie, ihr Kind auf die Höhere Schule zu tun, wenn es gut war, egal aus was für einer Familie es kam und alles dafür zu tun und half auch dabei. Und viele haben es geschafft
    Heute gucken sich diese Emanzenfrauen nur die Berufe der Eltern an und teilen die Kinder sofort dementsrprechend ein.
    Hier muß man endlich anfangen. Die Lehrerinnen brauchen die Berufe der Eltern nicht wissen
    Die Kinder sind wichtig, nicht die Eltern
    Und es muß diesen Lehrkräften mal eingehämmert werden, dass kein Kind dumm geboren wird, jedes Kind hat Potential, und man muß es nur fördern. Aber genau das tut man nicht

  • Deutschland ist das Land der OECD mit den geringsten Aufstiegsmöglichkeiten. Das Grundfundament der Mobilität zwischen den Schichten durch Lesitung gilt schon lange nicht mehr. Anders gesagt: Die Karten sind verteilt.

    Wir haben heute ein klassisches Schichtensystem mit Oberschicht ("Geldadel"), Mittelschicht als staatstragende Schicht und Unterschicht (bildungsarm - nicht arm im Sinne von kein Geld). Während Ober- und Unterschicht von leistungslosen Einkommen leben, finanziert die Mittelschicht den Staat sowie Ober- und Unterschicht.

    Als Beispiel kann man BMW nennen. Der Konzernchef Herr Reithofer verdient zwar mit seiner Lesitung ca. 6.000.000€ pro Jahr - das ist aber nicht einmal ein Prozent der leistungslosen Bezüge der Familie Quandt. Dafür zahlt er aber mehr Einkommensteuer (45%) als die Familie Quandt Kapitalertragssteuer (25%).

    Die Aufstiegschancen der Kinder der Unterschicht sind auf Grund der fehlenden Bildung und Sozialisation nahe Null. Ebenso finden sich als Dax-Vorstände fast nur Kinder aus der Geldelite. Die Geschichten von Gerhard Schröder und Co machen sich gut. Sie beziehen sich nur leider auf längst vergangene Zeiten, in denen soziale Mobilität noch möglich war.

    Wer mehr zu diesem Thema wissen will lese bitte bei Herrn Wüllenweber ("Die Asozialen") nach.

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