Deutsche Unternehmen im Visier

Fast 700 Firmen auf schwarzer Liste der Türkei

Die türkische Regierung wirft viel mehr deutschen Unternehmen und Einzelpersonen vor, sie würden den Terror unterstützen. Auf einer entsprechenden Liste finden sich nach Handelsblatt-Informationen fast 700 Namen.
Update: 21.07.2017 - 14:15 Uhr 42 Kommentare

Warum Daimler, BASF und eine Dönerbude terrorverdächtig sind

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BerlinDie türkische Regierung hat offenbar noch viel mehr deutsche Unternehmen und Einzelpersonen im Visier, denen sie die Unterstützung von Terrorismus vorwirft. Eine entsprechende Liste ist viel umfangreicher als bisher bekannt. Demnach stehen auf der Liste nicht 68, sondern 681 deutsche Firmen. Dies erfuhr das Handelsblatt aus deutschen Regierungs- und Sicherheitskreisen. Die türkische Regierung bestreitet hingegen die Existenz der Liste.

Am Mittwoch hatte die Wochenzeitung „Die Zeit“ von einer „Schwarzen Liste“ mit 68 deutschen Firmen und Einzelpersonen berichtet, denen türkische Behörden vorwerfen, terroristische Organisationen zu unterstützen. Die Liste wurde dem Bundeskriminalamt (BKA) übergeben. An die von der „Zeit“ genannte Zahl müsse „aber noch eine Null gehängt werden“, sagten mehrere mit der Liste vertraute Quellen dem Handelsblatt. Demnach befinden sich mindestens 680 deutsche Unternehmen auf der Liste, darunter auch kleine vor Ort tätige Unternehmen. Die Vorwürfe gegen die deutschen Unternehmen seien „völlig abstrus“, hieß es in deutschen Regierungskreisen. Auch das BKA teilte mit, es werde sich nicht um Bearbeitung kümmern, „da die darin enthaltenen Angaben und Vorwürfe unkonkret sind“.

Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte am Donnerstag bereits angedeutet, dass die türkische Regierung offenbar noch mehr deutschen Unternehmen Verbindungen zum Terrorismus vorwirft. „Die Liste ist sogar noch viel länger“, sagte er, ohne nähere Angaben zu machen. Die Türkei soll den genannten Unternehmen Verbindungen zur Bewegung des Predigers Fethullah Gülen vorwerfen. Diese Gruppe wird in der Türkei als Drahtzieher des gescheiterten Putsches im Juli 2016 beschuldigt und als Terrororganisation verfolgt.

Gabriel hatte in Reaktion auf die Anschuldigungen und die jüngste Inhaftierung eines Bundesbürgers in der Türkei am Donnerstag eine Neuausrichtung der Türkei-Politik verkündet. Das Auswärtige Amt warnte Türkei-Reisende. Das könnte den für das Land wichtigen Tourismussektor weiter unter Druck setzen. Zudem kündigte Gabriel an, die Hermes-Bürgschaften für deutsche Unternehmen, die Geschäfte in der Türkei machen, auf den Prüfstand zu stellen. Auch das könnte die Türkei empfindlich treffen. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner des Landes.

Die türkische Regierung versuchte nun am Freitag, die Investoren zu beruhigen. „Alle deutschen Investitionen in der Türkei sind zu 100 Prozent abgesichert durch die türkische Regierung, den Staat und das Gesetz“, sagte Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci der Nachrichtenagentur Reuters. Den Vorwurf, die Türkei habe der deutschen Regierung eine Liste mit Firmen gegeben, denen sie Verbindungen zu dem Putschversuch im vergangenen Jahr vorwirft, wies der Minister als falsch zurück. Mit Aussagen, die nachhaltigen wirtschaftlichen Schaden anrichten könnten, müsse man sich zurückhalten. „Deutschland muss Kommentare, die unangebracht sind, überprüfen.“ Sowohl in deutschen Regierungs- wie auch Sicherheitskreisen wird allerdings die Existenz der Liste bestätigt.

Die Bundesregierung will noch weitere Konsequenzen aus dem Streit mit der Türkei ziehen. So würden die Rüstungsexporte in das Land „auf den Prüfstand gestellt“, heißt es aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Das bedeutet im Prinzip nichts anderes, als dass die Waffenexporte vorerst auf Eis gelegt worden sind und keine weiteren Exportanträge genehmigt werden. Schon seit dem Putschversuch in der Türkei vor einem Jahr fährt die Bundesregierung gegenüber dem Land eine restriktivere Rüstungsexportpolitik. So hat die Bundesregierung im Vorjahr lediglich Waffenexporten im Wert von 83,9 Millionen Euro eine Ausfuhrgenehmigung erteilt, darunter Triebwerke und Teile für Kampfhubschrauber, Flugzeuge oder unbemannte Luftfahrzeuge.

Damit lag die Türkei in der Rangliste der wichtigsten Abnehmerländer deutscher Waffen lediglich auf Platz 20. In den ersten vier Monaten dieses Jahres genehmigte die Bundesregierung Waffenexporte in die Türkei im Umfang von 22 Millionen Euro. Zum Vergleich: Das größte Abnehmerland Algerien erhielt Waffen im Wert von 830 Millionen Euro.

Angesichts der geringen Umfangs der Waffenlieferung handelt es sich bei der Neuausrichtung der Bundesregierung daher eher um eine symbolische Maßnahme. Zumal andere EU-Staaten ihre Rüstungsexportpolitik bislang nicht überdenken und Anträge für Ausfuhren in die Türkei weiter genehmigen.

Für welche deutschen Konzerne die Türkei wichtig ist
Deutsche Bank
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Deutschlands größtes Kreditinstitut ist bereits seit 1987 in der Türkei aktiv. Zu den Geschäftsfeldern zählen allen voran die Unternehmensfinanzierung und das Trading. Die Deutsche Bank Turkey verfügt über eine Niederlassung, in der 116 Menschen angestellt sind. Bereits im vergangenen Monat hat das Geldhaus in der Türkei einige Aktivitäten zurückgefahren. Von regierungsnahen türkischen Medien wurden zudem Vorwürfe des versuchten Wirtschaftsterrorismus ausgerufen, die die Bank als „inakzeptabel“ von sich weist.

Volkswagen
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Die Türkei ist für den deutschen Autobauer einer der Schlüsselmärkte und steht auf einer Stufe mit Russland und Italien. Rund 174.000 Fahrzeuge lieferte Volkswagen im vergangenen Jahr in das Land. Die Lastwagen-Tochter MAN eröffnete im Jahr 1966 in der Nähe von Ankara ihr erstes Werk außerhalb Deutschlands. Noch heute ist es die größte Montagefabrik für Stadtbusse.

Siemens
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Der Technologiekonzern beschäftigt rund 3000 Mitarbeiter in der Türkei und ist dort mit Investitionen in Unternehmen, Fabriken bis hin zu Krankenhäusern vertreten. In letzteren betreibt Siemens eigene Labore. Innerhalb der nächsten fünf Jahre sollen mehr als 100 Millionen Euro umgesetzt werden.

Hugo Boss
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Das weltweit größte Werk des Bekleidungsunternehmens steht mit 3777 Beschäftigten in der Türkei. In der Fabrik in Izmir wird vorrangig hochwertige Kleidung wie Anzüge, Jacken und Shirts aber auch maßgeschneiderte Frauenkleidung hergestellt. Das Unternehmen kündigte bereits an, dass man sich die Entwicklungen in der Türkei „sehr genau ansehen“ wird und jegliche Anliegen „sehr ernst nimmt“.

Daimler
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Seit über 30 Jahren werden in der Türkei Lastwagen mit dem ikonischen Stern vornehmlich für den dortigen Markt hergestellt. Durch ein 113-Millionen-Euro-Paket soll die Kapazität des Werks in Aksaray im kommenden Jahr verdoppelt werden, wo zurzeit 1800 Arbeiter angestellt sind. Weitere 3300 Beschäftigte gehen ihrer Arbeit im Werk am Stadtrand von Istanbul nach, wo Busse für das Auslandsgeschäft produziert werden.

Axel Springer
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Zum Medienunternehmen gehören zwar unter anderem sieben Prozent der türkischen Dogan TV Holding, doch es ist seit jeher auch zunehmend kritisch gegenüber der Türkei eingestellt. Wegen des verachtenden Umgehens mit dortigen Journalisten wird das Unternehmen vorerst keine neuen Investitionen tätigen. Die Inhaftierung des „Die Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel hat Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner (l.) harsch kritisiert. Auch in der Böhmermann-Affäre positionierte sich Döpfner schnell hinter dem deutschen Satiriker.

Allianz
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Europas größter Versicherer hat vor vier Jahren Yapi Kredi Sigorta AS für fast 700 Millionen Euro übernommen, um die Geschäfte in der Türkei ausbauen zu können. Heute ist das Land durch das Unfall- und Lebensversicherungsgeschäft ein Milliarden-Anker.

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42 Kommentare zu "Deutsche Unternehmen im Visier: Fast 700 Firmen auf schwarzer Liste der Türkei"

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  • Es mag ja sein, dass ich eben noch in "guter Gesellschaft" befunden haben soll.

    Aber Ihre (nicht ihre) Mitstreiter ist doch ziemlich voll daneben.

    Oder befinde ich mich etwa im Wahlkampf?

    Schaun wir mal, was nach der BTW noch zu meiner "guten Gesellschaft" gehört.

  • Man sieht anhand von Caruso, dass die AfD offenbar Internet-Bots einsetzt, die mit Textmüll Wahlkampf machen will. Ziel: Eine Trumpisierung des Wahlkampfes. Big Bullshit total. Wer so etwas wählt, der mag bestimmt auch Erdogan, und wie dieser im Krieg gegen die Medien durchgreift. Die neuen Rechten sind eine echte Gefahr für jeden Rechtsstaat.

  • @ Peer Kabus

    Und dabei hatten Sie sich doch eben noch in so guter Gesellschaft befunden. Man wird Sie dort vermissen! Schauen Sie mal, was Ihre ehemaligen Mitstreiter so sagen:

    Schäuble: "Die Türkei verhaftet inzwischen willkürlich und hält konsularische Mindeststandards nicht ein. Das erinnert mich daran, wie es früher in der DDR war."

    Maas: "Wer in die Türkei reist, verbringt seinen Urlaub leider nicht in einem Rechtsstaat."

    Altmaier: "Das Verhalten der Türkei ist inakzeptabel."
    (Quelle: DWN)

  • Unfassbar, was die Trump-Fans hier schon wieder für einen Müll ausschütten. Ständig Werbung für Bücher eines Danil Ganser. Dazu Links zu Spam Seiten. Krudes Geblubber ohne Ende.

    Trump und seine deutschen AfD-Anhänger sind geistige Tiefflieger der schlimmsten Sorte. Irgendwie erinnert ihr Wüten auch an diesen polnischen Schreihals Kaczynski. Der ist ja der Meinung, polnische Oppositionelle hätten gemeinsam mit Russen seinen Bruder umgebracht.

    Das alles ist Stammtischgepöbel, das ausserhalb einer jeden Dorfschänke peinlich bis unverantwortich ist. Man wird sehen, ob die Deutschen bei diesem Trend zu Idiotisierung mitmachen und genauso bekloppt sind, die hiesigen Rechtspopulisten zu wählen..

  • @Enrico Caruso

    Ich geb auf. Sie haben unschlagbare Fakten und eine zwingende Logik.

    Sie haben gewonnen!

  • Eine Schande für die Opfer und deren Angehörigen!


  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Wenn man permanent Feuer ins Öl gießt, ist es nur noch eine Frage der Zeit, wenn einige Türken im Land Angst haben müssen.

    Diese ertragen zu müssen ist schon eine Zumutung seitens unserer rückwärtsgewandten politischen Kultur.

    Und so sieht Sie dann auch wortwörtlich auch aus. Schön ist anders.

  • @ Tomas Maidan
    "Jedem Trump- und AfD-Fan, der nicht müde wird, gegen die "Lügenpresse" zu hetzen, müsste doch eigentlich das Herz aufgehen, wie Erdogan mit den Journalisten umspringt. Hunderte im Gefängnis! Erdogan gewinnt den War with the Media bravourös!"

    Bei einem Minimalstaatler wie mir haben Sie damit schlechte Karten. Ich bin skeptisch gegen jede Form von Herrschaft und gestehe den Herrschenden (bzw. "dem Staat") nur folgende Kernaufgaben zu:
    1. Schutz der Bürger vor Kriminalität / Gewalt und Bedrohungen von außen (und dazu gehört neben dem Militär eben vor allem auch die Grenzsicherung!!)
    2. Durchsetzung von Verträgen, die die Bürger abgeschlossen haben
    Die bundesdeutsche Regierung versagt jedoch (ich behaupte sogar vorsätzlich) bei diesen staatlichen Kernaufgaben - ja sie bricht sogar selbst Verträge.
    Gleichzeitig lässt sie essenzielle Freiheitsrechte der Bürger einschränken:
    http://www.freitum.de/2017/07/netzwerkdurchsetzungsgesetz-es-wird.html
    Wenn ein Donald Trump nun staatliche Kernaufgaben stärkt (wie die Sicherung der Grenzen) oder etwa Deregulierung vorantreiben will, dann befürworte ich das. Ich befürworte jedoch z.B. keine staatsinterventionistische Wirtschaftspolitik - und garantiert "verehre" ich ihn nicht als Person.

  • @Herr Tomas Maidan; Sie sind scheinbar ein bezahlter Schreiber und arbeiten "nur" von 8 Uhr bis 17 Uhr und vielleicht geht es freitags schon etwas früher heim ;-)

    Oder SIe gehen heute einfach früher, um noch die Bücher von Dr. Daniele Ganser zu kaufen und wollen diese über das Wochenende lesen :-)
    Viel Spass dabei !

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