Deutsche Unternehmer zur Kapitalismuskritik
Die Reaktionen der Top-Manager im Wortlaut

Die Kapitalismuskritik und der "Heuschrecken-Vergleich" von SPD-Parteichef Franz Müntefering hat auf Unternehmerseite Empörung und Unverständnis ausgelöst. Das Handelsblatt frage daher die Verantwortlichen bekannter deutscher Unternehmen nach ihren Vorstellungen von Unternehmensethik, Arbeitsplatzssicherung und die Rolle der Finanzinvestoren. Lesen Sie hier eine Auswahl der Stellungnahmen:

Herbert Hainer, Vorstandsvorsitzender der Adidas-Salomon AG:

"Diese pauschale Kritik von Herrn Müntefering ist 1) ungerechtfertigt und bringt 2) den Standort Deutschland um keinen Schritt voran. Darüberhinaus bin ich überzeugt davon, dass die überwältigende Mehrheit der deutschen Unternehmen verantwortungsvoll handelt. Ein Unternehmer trägt m.E. in erster Linie dafür Verantwortung, etwas zu unternehmen, d.h. eine Strategie zu entwickeln, die seiner Firma erlaubt, erfolgreich zu sein und Umsatz und Gewinn zu steigern. Und wenn ein Unternehmer seine Strategie langfristig erfolgreich umsetzt, dann schafft er damit auch sichere Beschäftigung für seine Mitarbeiter."

"Adidas-Salomon hat in den vergangenen zehn Jahren seine Mitarbeiterzahl in Deutschland mehr als verdoppelt - und zwar von 1200 auf aktuell 2600. Allein im Jahr 2004 sind 300 neue Stellen hinzugekommen. Und auch in diesem Jahr schaffen wir wieder rund 200 neue Arbeitsplätze in Deutschland."

Michael Frenzel, Vorstandsvorsitzender der Tui AG:

"Ich halte das für sehr holzschnittartig und Wahlkampf bezogen. Aus der sehr pauschalen Unternehmenskritik wird eine nicht gerechtfertigte pauschale Systemkritik. Allerdings hat unser System in der Tat Verwerfungen. Etwa, dass die Kapital-Spekulation überhand nimmt. Dass sich Börsenbewegungen abkoppeln von der physischen Unternehmensentwicklung. Oder auch, dass die Rohstoffpreise nicht zuletzt deshalb so hoch sind, weil Hedge-Fonds dort Spekulationsgewinne erzielen. Schließlich: Die Überregulierung in Deutschland gehört auch zu den Verwerfungen. Ich wäre sehr dafür, das alles einer sehr differenzierten Betrachtung zu unterziehen. Doch zunächst einmal sind alle aufgerufen, zu einer Versachlichung der Diskussion beizutragen."

Franz Fehrenbach, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH:

"Die Zukunft Deutschlands liegt uns allen am Herzen. Deswegen ist es richtig, dass wir intensiv darüber reden, was wir in Deutschland verändern müssen. Bei der derzeitigen Kapitalismus-Debatte stellt sich mir allerdings die Frage, inwieweit uns das bei den wirklich wichtigen Themen weiterbringt. Denn niemand wird ernsthaft wollen, dass wir uns als eine vom Welthandel extrem stark abhängige Exportnation aus der offenen Weltwirtschaft verabschieden. Wenn wir die Lage in Deutschland nachhaltig verbessern wollen, brauchen wir ein ganzheitliches Konzept mit positiven Beiträgen von allen Seiten. Einseitige Schuldzuweisungen helfen nicht weiter und bringen den Standort Deutschland in keinster Weise voran, sondern die fatale Lähmung geht weiter. Vielmehr ist jeder gefragt, anzupacken und seine Hausaufgaben zu erledigen."

Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell, Geschäftsführender Gesellschafter der Faber-Castell-Unternehmensgruppe:

"Für mich als Unternehmer ist die langfristige Absicherung des Unternehmens primär. Dabei zählt weniger der Shareholder-Value sondern der Stakeholder-Value, sprich der Wert, den man durch enge und erfolgreiche Zusammenarbeit vor allem mit Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern schafft . Voraussetzung für die Realisierung einer überdurchschnittlichen sozialen Verantwortung, und damit Sicherung der Arbeitsplätze, ist jedoch eine nachhaltig hohe Ertragskraft, ohne die wir im globalen Wettbewerb nicht überleben können."

"Ein wahltaktischer Winkelzug in Form eines Pauschalangriffs auf Finanzinvestoren ist kurzsichtig und populistisch. Verallgemeinerungen helfen nicht weiter. Es gibt unangenehme Zeitgenossen auf allen Seiten, ungeachtet der Couleur, natürlich auch bei Finanzinvestoren. Aber die Ausnahme bestätigt die Regel."

Dr. Jürgen Hambrecht, Vorsitzender des Vorstands der BASF Aktiengesellschaft:

"Wer das Wort Kapitalismus in den Mund nimmt, will damit in aller Regel kundtun, dass er dagegen ist. Kapitalismus klingt anstößig für viele deutsche Ohren. Ich finde es jedoch wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen. Deshalb begrüße ich ausdrücklich, dass wir in Deutschland eine Kapitalismus-Debatte führen. Es ist gut, dass die Fakten und die Ansichten dazu offen auf den Tisch kommen. Denn es geht nicht nur darum, wer demnächst die Wahl gewinnt. Es geht um unsere Werte. Es geht darum, wie unser Land die Zukunft gewinnt. Es geht um die Antwort auf eine schlichte Frage: Wie wollen wir in Deutschland leben?"

"Ich bin für einen Kapitalismus, der die Starken fordert und die Schwachen stützt. Nicht für das Zerrbild, das leider allzu gerne heraufbeschworen wird. Wofür ich bin, ist eine Ordnung unseres Gemeinwesens, die jedem Einzelnen größtmöglichen Handlungsspielraum für ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Sein einräumt. In diesem Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung ist zugleich die Pflicht enthalten, dasselbe Recht jedem anderen Mitglied des Gemeinwesens zu gewähren."

Hubertus Erlen, Vorstandsvorsitzender der Schering AG:

"Wir tragen als Unternehmer Verantwortung in mehrfacher Weise: für unsere Kunden und Mitarbeiter, für unsere Aktionäre und Geschäftspartner sowie für das nachhaltige Wirtschaften des Unternehmens. Wesentlicher Bestandteil des täglichen unternehmerischen Handelns ist es, eine angemessene Balance zwischen diesen Verantwortungen zu finden. So verstehe ich auch den Begriff Unternehmensethik."

Es gibt darüber hinaus Pflichten, die unmittelbar der Aufgabe als Unternehmer entspringen. Zum einen ist dies die Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit durch kontinuierliche Verbesserung zentraler Erfolgsfaktoren wie Marktpräsenz, Effizienz und Produktivität. Zum anderen gilt es, kontinuierlich innovative Produkte bzw. Dienstleistungen zu entwickeln, die dem Kunden Mehrwert bieten und so seine Nachfrage befriedigen. Wer diese Pflichten nicht erfüllt, gefährdet den Bestand seines Unternehmens. Im übrigen kann ich für Schering sagen: wir machen in Deutschland 10 Prozent unseres Umsatzes, beschäftigen hier mehr als 35 Prozent unserer Mitarbeiter und zahlen im Land 50 Prozent unserer Steuern.

"Deutschland hat nicht zu viele, sondern im internationalen Vergleich zu wenige ausländische Investoren. Deutschland benötigt Risiko- und Finanzinvestoren, um ausreichend Kapital für das Vorantreiben neuer und das Fortführen etablierter unternehmerischer Konzepte und Ideen zu binden. Insofern ist die gegenwärtige Debatte sehr schädlich."

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