«Deutsches Überengagement in China» kritisiert
Deutsche Firmen könnten bei Indiens Aufschwung "den Zug verpassen"

HB BERLIN. Indien gehört mit einem Wachstum von offiziell durchschnittlich sieben Prozent in den vergangenen zehn Jahren zu den am schnellsten wachsenden Marktwirtschaften der Erde – und ein Ende des Trends ist nicht absehbar. «Der Höhepunkt steht noch bevor», sagte Industrieminister Kamal Nath vor kurzem.

Nun reist Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) am Montag nach Neu Delhi. Dort wird ihn die indische Regierung auf die enormen Investitionsmöglichkeiten in dem asiatischen Land hinweisen – Möglichkeiten, die die deutsche Wirtschaft noch viel zu wenig nutzt, wie Finanzminister Palaniappan Chidambaram vor Clements Besuch der Nachrichtenagentur dpa sagte: «Es ist wichtig, dass Deutschland die Chance nicht verpasst.»

Mit dieser Mahnung steht der indische Politiker nicht allein. Auch der Leiter der Deutsch-Indischen Handelskammer in Bombay, Bernhard Steinrücke, mahnt, viele deutsche Unternehmen hätten fast ausschließlich auf China gesetzt und den Subkontinent übersehen. Steinrücke kritisierte «ein deutsches Überengagement in China».

Der Indien-Chef von Siemens, Jürgen Schubert, warnt, deutsche Unternehmen riskierten, in Indien «den Zug zu verpassen». Während sich Firmen aus der Bundesrepublik kaum auf dem gigantischen indischen Markt betätigten, eroberten Unternehmen aus den USA, aber auch aus Japan und Korea den Markt für sich. Steinrücke erklärte das geringe Engagement der Deutschen in Indien mit mangelnden Kenntnissen über das Land.

Indiens Finanzminister Chidambaram hob die Öffnung der Häfen, Flughäfen, Fluggesellschaften und des Straßenbaus für Auslandsinvestitionen hervor. Die Defizite in der indischen Infrastruktur seien zugleich Chancen für deutsche Investoren, so der Politiker, der zusammen mit Clement die zweitägige 15. Sitzung der Gemeinsamen Indisch-Deutschen Kommission für Wirtschaftliche und Industrielle Zusammenarbeit leiten wird.

Chidambaram sagte weiter, er habe keinen Zweifel, dass sich Indien ebenso wie China zur Wirtschaftsmacht entwickeln werde. «Wir glauben, dass in dieser Welt genügend Platz für Indien und China ist.» In vielen Wirtschaftsbereichen ergänzten sich die beiden Länder, die ihre Zusammenarbeit in naher Zukunft noch ausbauen würden. Die beiden asiatischen Staaten seien «die zwei größten Märkte der Welt».

Sorgen über die indische Bürokratie, die Investoren in der Vergangenheit abschreckte, seien nicht berechtigt, so der Finanzminister. Die Bürokratie sei kein großes Hindernis und die Beamten arbeiteten mit daran, Wirtschaftsreformen umzusetzen. Ziel aller Reformen sei die Beseitigung der Armut in Indien. «Ohne Wachstum haben wir keine Chance, die Armut in diesem Land zu beenden.»

Wenn Wolfgang Clement am Montag in Neu Delhi ankommt, wird er ein Schwellenland vorfinden, dass auf dem Weg zu einer globalen Wirtschaftsmacht ist. Experten des amerikanischen National Intelligence Council kamen im Januar zu dem Ergebnis, dass China und Indien dieses Jahrhundert wirtschaftlich dominieren werden. Laut ihrer Studie wird Indien das deutsche Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2023 übertreffen. Auch Siemens' Indien-Chef Schubert warnt: «Wir werden bald sehen, dass Indien ein Wettbewerber für Deutschland wird. Deutschland muss sich in Acht nehmen.»

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