Deutschland-Besuch
Warum Obama zur Geschichte greift

US-Präsident Obama besucht das KZ Buchenwald – und zeigt damit, dass der Umgang mit der Vergangenheit ein mächtiges Instrument in der Hand von Politikern ist. Der Blick in die Geschichte sagt dabei viel über die Gegenwart aus – und entlarvt, wie Politiker denken. Obama ist ein Positivbeispiel, der polnische Oppositionspolitiker Kaczynski das Gegenteil.

BERLIN. Es gibt wenige Politiker, die derart gekonnt in politischen Bildern denken wie Barack Obama. Die Fähigkeit, mit symbolhaften Gesten und Fotos wichtige Botschaften zu transportieren, damit Menschen ansprechen, hat ihn zum ersten schwarze Präsidenten der USA gemacht. Jetzt demonstriert Obama bei seiner zweiten Europareise seit seinem Amtsantritt erneut, wie man Politik macht, indem man mit der Erinnerung spielt und Orte und Worte zu einer kraftvollen Botschaft verbindet.

Erst die ausgestreckte Hand an die islamische Welt mit der Rede in Kairo, dann die Erinnerung an die Grauen des Nationalsozialismus im KZ-Buchenwald, die auch als Signal an den schwierigen Partner in Israel gedacht ist, dass man den Holocaust über die Versöhnung mit der arabischen Welt eben nicht vergessen wird – und schließlich das Gedenken an die Opfer des Kampfes für Freiheit in Europa in der Normandie. Es braucht wenig prophetische Gabe, um vorherzusagen, dass Obama damit Bilder produziert, die sich auch in das öffentliche deutsche Bewusstsein einbrennen. Und es erklärt, wieso der US-Präsident wenig Neigung hat, seinen Besuch in Deutschland mit unzähligen anderen Terminen vollzustopfen. Es hätte die öffentliche Aufmerksamkeit nur von den Bildern abgelenkt, die er selbst setzen möchte.

Wer dies als nebensächlich, als bloße Symbolik abtut, verkennt die Bedeutung, die die öffentliche Erinnerung an bestimmte Ereignisse der Geschichte in Gesellschaften hat – gerade in Deutschland. Denn die Verankerung der Gegenwart in der Vergangenheit ist eine mächtige Waffe in der Politik. Pathos ist dabei ausdrücklich erwünscht. Gemeinsame Erinnerung an bestimmte Ereignisse dient nicht nur in Familien, sondern eben auch Völkern als Kitt für den Zusammenhalt. Sie ist ein Leitfaden für die künftige und gewünschte Entwicklung eines Landes. Sie kann Versöhnung einleiten - oder aber den Hass schüren.

Die Bundesrepublik etwa gedenkt in diesem Jahr in großen Feiern sowohl der 60 Jahre Grundgesetz als auch der 20 Jahre des Mauerfalls. Auch wenn viele die Fülle der Gedenkveranstaltungen als eher langweilig einstufen: Mit ihnen demonstriert die Politik, wo der Ankerplatz des modernen Deutschland liegen soll - bei der Rechtsstaatlichkeit, beim Kampf für die Freiheit und Demokratie.

Symbolische Erinnerung im positiven Sinne schafft dabei auch politische Freiheit: Nur weil sich Deutschland heute glaubhaft als demokratischer, friedlicher Rechtsstaat feiern kann, sind auch andere Jubiläen möglich – etwa die Würdigung des Sieges Hermanns des Cheruskers über die römischen Legionen vor 2000 Jahren. Könnte die Bundesrepublik nicht auf ihrer Friedfertigkeit verweisen, hätte der Besuch der Bundeskanzlerin in den Ausstellungen über die Varusschlacht und den germanischen Sieg denselben Unfrieden in Europa gestiftet wie ihn noch heute die Besuche japanischer Premierminister an Kriegsschreinen verursachen.

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