Deutschland
Kurzarbeit: Die Frist läuft ab

"Wenn sich nicht bald etwas tut, wird es böse enden." Das hört man oft, in und um Iserlohn. In kaum einem anderen Landstrich wird so viel kurzgearbeitet wie dort. Was macht das mit den Menschen? Geschichten aus einer Region im Wettlauf gegen die Zeit.

ISERLOHN. Kunz wartet noch, aber viel Zeit bleibt nicht mehr. Sein Büro kommt ihm neuerdings vor wie eine Zeitbeschleunigungsmaschine. Hinter ihm fällt zwischen heruntergelassenen Jalousien in scharfen Streifen das Sonnenlicht ein. Ihn umgeben derselbe dunkle Boden wie seit Ewigkeiten, dieselben mausgrauen Büromöbel, derselbe mausgraue Tisch, lang wie ein Kleinlaster. Seit 33 Jahren ist Uli Kunz, 48 Jahre alt, den Saum des Kurzarmhemds akkurat in der Jeans versteckt, im Betrieb. Alles hier ist ihm vertraut. Bis auf die Wirklichkeit, mit der er es jetzt zu tun hat. Kann es sein, fragt sich Kunz, dass es nicht einmal ein Jahr her ist?

Dass unter seinem Betriebsratsbüro, in den Werkhallen des Automobilzulieferers Kirchhoff, Standort Iserlohn, die Arbeiter unter mächtigem Druck werkelten. Drei Schichten, sieben Tage die Woche, auch das reichte manchmal nicht, die Kunden brauchten schnell ihre Ware. Die Arbeiter mochten die Wochenendschichten, die Feiertagszuschläge, sie verdienten gutes Geld, mit dem sie Häuser bauten, Autos kauften, ihre Familien ernährten.

Im Herbst riefen die ersten Kunden an: "Wenn ihr den Liefertermin nicht schafft, ist es dieses Mal nicht so schlimm." Alle zwei Wochen wurde alles immer schlimmer. Anfang März ist Kunz' Firma, Standort Iserlohn, 500 Mitarbeiter, notgedrungen eine Wette eingegangen: Kurzarbeit.

Es ist eine Wette auf bessere Zeiten, der Versuch, einen Aufschub zu kaufen. Anders als in früheren Krisen entlassen deutsche Unternehmen nicht sofort Mitarbeiter, um schnell ihre Kosten zu senken. Sie versuchen, ihre Stammbelegschaft zu halten. Wenn der Aufschwung kommt, können sie sofort wieder produzieren. Wenn.

Im Moment sieht es nicht danach aus. Und Uli Kunz merkt, wie sich die Gespräche verändert haben. In der Firma und auch die, die er führt, wenn er das Zeitmaschinenbüro auf dem Gewerbegebietshügel etwas außerhalb der Stadt verlassen hat. Gespräche im Kreis der Familie, mit Freunden, Nachbarn oder Leuten im Sportverein. Selten die Abende, an denen es mal nicht um Lohneinbußen, Kurzarbeit und diese Frist geht, die nun abläuft.

Wenn, sagt Kunz, spätestens nach den Sommerferien nicht klar sei, dass es bald aufwärtsgehe, dann werde es schlimm enden. Sehr schlimm, vielleicht. Für seinen Arbeitgeber, viele Menschen in der Gegend, womöglich die ganze Gegend. Keine besseren Zeiten, kein Geld, keine Arbeitsplätze mehr. Kunz ist nicht der Einzige, sich sorgt.

Kurzarbeit kostet die Unternehmen eine Menge Geld, auch wenn der Staat aushilft. Und der Märkische Kreis, zu dem Iserlohn, südlicher Rand des Sauerlands, 100000 Einwohner, gehört, war einer der Ersten in Deutschland, in der Firmen nach dem Ausbruch der Krise im großen Stil anfingen, ihre Mitarbeiter zeitweise nach Hause zu schicken, weil es für sie keine Arbeit mehr gab. Es waren, gemessen an den Einwohnern, so viele wie sonst nirgends im Land. 1250 Betriebe haben angefragt, vier von fünf Kurzarbeit angemeldet. 39000 Arbeitnehmer sind betroffen: jeder vierte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Landkreis. An Iserlohn kann man wie durch ein Vergrößerungsglas sehen, was Deutschland noch bevorstehen kann.

Es geht vielen Firmen schlecht, weil sie von Unternehmen abhängen, denen es schlechtgeht. Die wichtigen Arbeitgeber sind Zulieferer für Autobauer, für Opel zum Beispiel, Zulieferer der Zulieferer oder Zulieferer der Zulieferer der Zulieferer. Sie stellen Armaturen her, Elektroanlagen, große Maschinen.

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