„Deutschland-Saga“
Deutschstunde im angelsächsischen Zeitraffer

Altdeutsche Sprichworte, Goethe-Zitate und historische Genauigkeit: In seiner „Deutschland-Saga“ grenzt sich der britische Historiker Christopher Clark vom deutschen Historytainment ab – verteilt aber auch Seitenhiebe.
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BerlinDeutsche Nabelschau und Selbstbespiegelung - solche Vorwürfe werden hierzulande oft erhoben. Noch lieber aber lassen Deutsche sich von außen bespiegeln. Wer hört oder liest nicht gerne internationales, am besten wohl britisches Lob der deutschen Wirtschaft oder des deutschen Fußballs?

Insofern ist es ein geschickter Schachzug des ZDF, das im Sommer mit der unsäglich nicht bloß betitelten, sondern auch konzipierten und umgesetzten Show „Deutschlands Beste“ einen Tiefpunkt seiner Sendergeschichte erlebt hatte, seine „Deutschland-Saga“ Christopher Clark anzuvertrauen. Der Geschichtsprofessor lehrt an der University of Cambridge, ist Australier und spricht exzellent deutsch.

Sein Buch „Die Schlafwandler“, das die Schuld des Kaiserreichs am Beginn des Ersten Weltkriegs weniger betont als zuvor in Deutschland üblich, hat Feuilletondebatten ausgelöst und ist ein Bestseller. In der ersten von sechs 45-minütigen, fürs ZDF produzierten Folgen setzt Clark aber nicht vor 100, sondern vor Abermillionen Jahren an. Um seiner mit ganz leichtem Akzent formulierten Frage „Wie ist dieses schöne Land entstanden?“ nachzugehen, düst er mit roter Fliege um den Hals im roten Käfer-Cabrio vom Brandenburger Tor in eine Landschaft mit hohen Bergen und grünen Wiesen, die sich als Schwäbische Alb entpuppt.

Dort zeigt sich sein unbefangener Blick. Deutsche Historiker bezeichnen auch die Germanen der Zeit um Christi Geburt eher ungern als Vorfahren der heutigen Deutschen, wegen der vielen Wanderungsbewegungen in späteren Zeiten und wegen des Missbrauchs, der in der Nazizeit mit dem Thema getrieben wurde. Clark dagegen hat kein Problem damit, sogar die Bewohner der Alb, die vor etwa 35 Jahrtausenden die „bislang ältesten bekannten Skulpturen“ der Welt geschaffen hatten, darunter klar phallische, „frühe Deutsche“ zu nennen. Was für die etwas jüngeren Neandertaler dann natürlich erst recht gilt...

Beim schnellen Überblick über die Epochen verbindet Clarks flotter Diskurs alte deutsche Sprichworte, Goethe-Zitate und historische Genauigkeit.

Seite 1:

Deutschstunde im angelsächsischen Zeitraffer

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Verbindungen von der Varus-Schlacht zu Bankern in Hessen

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